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Angela Merkel im Live-Interview mit vier YouTubern

Die Sache mit dem Neuland ist ja nun wirklich abgefrühstückt, und dass die sogenannten “Digital Natives” nun irgendwie per se mehr Checkung haben als alte Säcke (wie ich…) – das ist auch noch nicht ausgemacht. Ich sage sogar mal ganz kess: Haben sie nicht. Bei der aktuellen demographischen Situation haben alte Säcke und Säckinnen sogar einen ziemlich großen Einfluss auf eine Bundestagswahl, vielleicht tatsächlich eigentlich einen zu großen – aber bei den Jungwählern gibt es ja nicht nur die allgemeine Orientierungslosigkeit, wo man denn sein Kreuzchen machen sollte. Sondern – die muss man erstmal dazu bringen, überhaupt wählen zu gehen.

Vor lauter Internet-Verstörungen und irritierenden Signalen wie den Tweets von Trump und den Verlautbarungen des nordkoreanischen Staatsführers kann man da schon einmal in Angst und Panik geraten – das hat die Kanzlerin bei ihrem Live-Chat mit Beauty-Bloggerin Ischtar Isik, dem Technik-Spezialisten AlexiBexi, Mirko Drotschmann alias MrWissen2go und Lisa Sophie alias ItsColeslaw aber schnell ausräumen können. Irgendwelche Randale oder neue Erkenntnisse: Fehlanzeige. Aber mal ganz ehrlich – wäre eine adäquate Antwort auf die Frage: “Müssen wir Angst haben vor einem dritten Weltkrieg?” etwa “Ja” gewesen? Die Börsenindizes sind ja auch schließlich schon wieder hochgegangen nach den jüngsten Deeskalations-Signalen der beiden Staatsführer mit den problematischen Frisuren.

Beim abschließenden Gruppenfoto…

…konnte man die eine oder andere Annäherung an die Merkel-Raute beobachten. Kleiner Tipp noch an alle Nachwuchs-Journalistinnen: Die Unsicherheits-Haltung mit der linken Hand um den herunterhängenden rechten Arm sieht halt unsicher aus. Da ist man mit der symmetrischen Position und der Raute eher auf der sicheren Seite.

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 17.08.2017 (Moderation: Till Haase)

Facebook launcht Marketplace nun auch in Europa

Der Test auf dem Heimatmarkt war offenbar erfolgreich, nun können auch deutsche User den digitalen Facebook-Flohmarkt bestücken oder nach Schnäppchen stöbern. Und auch hierzulande wird das neue Angebot aus dem Hause Zuckerberg nicht gleich den etablierten “Mitbewerb” aus dem Rennen fegen. Dem Datensammel- und Werbeimperium geht es vor allem darum, seinen Nutzern ein möglichst komplettes Angebot zu präsentieren. Alles soll aus Facebook heraus funktionieren – gerne auch der Einkauf beim vermeintlichen oder tatsächlichen Konkurrenten eBay.

Wer einen Großteil der Weltbevölkerung zu seinen Kunden zählen kann, agiert halt einigermaßen gelassen. Vor allem, wenn man auch noch ein Alarmsystem hat, das einem etwaige Spielverderber frühzeitig meldet.

Deutschlandfunk Nova · Kleinanzeigen: Facebook launcht Marketplace in Europa

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 16.08.2017 (Moderation: Till Haase)

Onavo: Facebooks Marktforschungs- bzw. Schnüffel-App weiß Bescheid

Wer Facebook nutzt (und das ja bekanntlich “gratis”…), gibt im Gegenzug seine Privatsphäre auf; zumindest den digitalisierten Teil. Das ist den meisten Leuten so diffus klar. Ein bisschen kann man ja auch noch an den Privacy-Stellschrauben drehen, wie das Unternehmen mehr treuherzig als letztlich zutreffend in seiner Werbe-Kampagne für Bedenkenträger betont. Und doch würde es vermutlich den meisten Usern der Facebook-App für Smartphones und Tablets etwas unangenehm aufstoßen, würde die Anwendung fragen: “Darf ich mal mitprotokollieren und an Facebook weitermelden, welche anderen Apps Du eigentlich auf deinem Gerät installiert hast, wie oft und wie lange Du die nutzt, und wieviel und welche Daten Du dabei übers Netz sendest und empfängst?”

Genau das fragt aber die App Onavo – relativ unauffällig. Und die meisten Nutzer nicken den Programmpunkt ab – ihr Fokus liegt ja auf den Features, die Onavo ihnen bietet: Schnelleres und sichereres mobiles Surfen. Für Web-Anbieter – und seit der Übernahme im Jahr 2013 eben für den neuen Besitzer von Onavo, Facebook – da liegt der Fokus ganz woanders: Auf den mitprotokollierten Daten nämlich. Laut Wall Street Journal und gut informierten Insidern haben die Mobile Analytics-/Marktforschungs-/Schnüffel-Informationen einen ganz erheblichen Einfluss auf Unternehmens-Entscheidungen von Facebook – vom WhatsApp-Kauf über Maßnahmen gegen Live-Video-Stream-Konkurrenten bis hin zum Ausbremsen von verkaufsunwilligen Messenger-Mitbewerbern 🙂

Das alles ist völlig normal und ja auch von den Usern abgenickt, sagt Facebook. Das alles könnte gegen AppStore-Richtlinien oder sogar gegen kartellrechtliche Vorschriften verstoßen, sagen Kritiker. Mit der Schnüffel- bzw. Analytics-App hat Facebook ein hübsches Tool im Portfolio, um Mitbewerber beizeiten “plattzumachen” – durch das Abkupfern von Funktionen oder im Notfall, durch eine Übernahme 🙂 … Mal sehen, wie das weitergeht – immerhin: Facebook hat das gleiche Problem wie Google: Ein marktbeherrschendes Unternehmen kann nicht mehr einfach das machen, was es gerne möchte und was ja so schön einfach und praktisch funktioniert. 🙁

Apropos Snap – da hätte Mark mir doch echt mal Bescheid sagen sollen; bei all der Facebook-freundlichen Berichterstattung, die ich seit Jahren betreibe.

Deutschlandfunk Nova · Schnüffel-App Onavo

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 14.08.2017 (Moderation: Till Haase)

Copyright-Posse um YouTube-Clip “Star Wars minus Musik/Williams”

Über die sehr rustikale Methode von Film- und Musik-Rechteinhabern, ihre Algorithmen YuoTube durchscannen zu lassen und dann mal ganz schnell Löschanträge, Monetization Claims oder Abmahnungen rauszuhauen haben wir ja schon öfters mal berichtet. Ein Daueraufreger, weil immer wieder angebliche Rechte reklamiert werden, die gar nicht bestehen. Kaum zu toppen ist allerdings, wenn ein Musik-Rechteinhaber einen Clip reklamiert, in dem weitgehend Stille herrscht, in dem genau die Musik absichtlich entfernt worden ist.

Warner/Chappell, der Tochterfirma von Warner Music gelingt dieses Kunststück – und zwar nicht durch die Aktivitäten eines durchgeknallten Bots, sondern durch die eines (durchgeknallten?) Menschen. Was den oder die Beschwerde-Einreicher(in) zu seinem/ihrem Monetization Claim veranlasst hat, bleibt zur Zeit unklar. Vielleicht ja die (ziemlich peinliche…) Verwechslung der Musik von Gustav Holst (“The Planets”) mit der Star Wars-Hymne von John Williams – eine unziemliche Verwechslung zudem von Original und – zugegeberweise genialer – Variation.

Nachdem Wired die Geschichte recherchiert hatte, wurde der Claim allerdings sehr schnell wieder fallengelassen.

 

 

Du wirst Deine bescheuerte Beschwerde jetzt zurückziehen.

Ich werde meine bescheuerte Beschwerde jetzt zurückziehen.

Deutschlandfunk Nova · Copyright: Star Wars ohne Musik auf Youtube

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 03.08.2017 (Moderation: Till Haase)

Internet-Ordnung in Gefahr: Gangnam Style braucht eure Solidarität!

Es gibt ja diese ganzen popularitätsfeindlichen Bedenken; wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich die zuweilen auch vorgebracht. Also so was wie: “Vox populi, vox Rindvieh”. (Lieblingsspruch meines Lateinlehrers, Herr Erdmann.) Oder wie: “Fresst Scheiße, Millionen Fliegen können (sich) nicht irren!” Oder so. Ist ja alles schön und gut. Aber dass “Gangnam Style” der gigantische, epische Überflieger und lange, lange Zeit die Nummer Eins der YouTube-Charts war, das hat ja sehr gute Gründe.

Erst mal singt da ein nach herkömmlichen Maßstäben nicht unbedingt wahnsinnig gut aussehender Typ

in einer (jedenfalls für den Rest der Welt…) etwas exotischen Sprache herum. Das Video ist auch jetzt nicht irgendwie sensationell in dem Sinne, dass da Atomraketen aufsteigen oder extraterristische Vulkanausbrüche nahtlos in vereisende Walgesänge übergehen. Oder sonst irgendein theatralischer Kitsch. Dafür liefert Gangnam Style aber erstens eine astreine Choreografie mit sehr innovativen Elementen wie Lassoschwingen, Hüftkreisen und Kniewippen, was unzählige Arbeitsplätze in der Tanz-Ausbildungsszene gesichert hat.

Zweitens liefert Gangnam Style die perfekte Vorlage für unzählige wunderbare Parodien und Variationen; das gilt übrigens auch für die weiteren herrlichen Kreationen des südkoreanischen Schöpfers Psy. (Ich bin übrigens absolut sicher, dass der schmerbäuchige und feistgesichtige (“Hey! Where did you get that body from? I got it from my DAD!”) Lenker des nordkoreanischen Bruderstaats, mein ganz besonderer Freund Kim Jong Un, ein Fan von Psy und von Gangnam Style und dessen weiteren herrlichen Kreationen ist. “Korean Style” ist eben nicht nur Süd-Korean-Style. “Mother Fucka Father Gentleman.”

Aber vor allen Dingen: Gangnam Style hat eine der herrlichsten, wichtigsten und effektvollsten Pausen der Musikgeschichte. “Ticke-ticke-ticke-ticke-ticke-ticke-ticke-ticke-ticke-tay… (Pause. Nix. Pause. Pause. Immer noch Pause. Nix. Pause.)

(W)oppan Gangnam Style.” Jetzt hat angeblich irgendein sentimentales Stück mit auf eine bestimmte Person bezogener rührender, aber letztlich fragwürdiger Jenseits-Romantik den Spitzenplatz der YouTube-Charts übernommen. Das Stück, das ich jetzt hier gar nicht verlinken will, wird angeblich gerne bei Beerdigungen gespielt. Ok, ok. Ich respektiere die situationsgebundene Betroffenheit und emotionale Befindlichkeit – aber die sollte nicht eine solche dramatische Auswirkung haben. Trauern ist ok, aber trauern ist nicht der Haupt-Impetus im Leben. (Das wäre jedenfalls ziemlich depressiv.)

Gegenbeispiel: Da soll da noch ein fröhliches Reggae-Stück im Anmarsch auf die Top-Position bei YouTube sein, das ich natürlich auch nicht verlinke. Da ist die Stimmung nicht traurig und betroffen, sondern eher belanglos heiter. Ist auch keine legitime Konkurrenz. Ganz klarer Fall also: Gangnam Style muss vor diesen Angriffen wie auch immer gearteter Motivation und Sentiments-Geschmacksrichtung geschützt und verteidigt werden. Die Bitte, nein der Befehl geht also an alle meine zahlreichen Follower in der ganzen Welt: Klickt alle immer und immer wieder auf Gangnam Style, lasst eure Bots und Klickfarmen aktiv werden und bringt Psy wieder an die Spitze der Rangliste. Woppan Gangnam Style!!!! “Ich habe mich klar genug ausgedrückt!!!”

US-Supreme Court urteilt: Das Recht auf freie Rede umfasst auch Hate-Speech

Die Meinungsfreiheit, das Recht auf freie Rede – das gehört natürlich zu den zentralen Werten in jeder Demokratie. Aber in den USA hat das – historisch begründet – noch mal einen ganz besonderen Stellenwert, „Free Speech“ hat da im Zweifelsfall ein höheres Gewicht als andere verfassungsmäßig garantierte Rechte. Das höchste Gericht der USA, der Supreme Court, hat diesen Grundsatz jetzt noch einmal bestärkt und gesagt: Letztlich ist sogar „Hate Speech“ „Free Speech“ und daher zulässig. Beim Thema Hate Speech denken wir natürlich direkt ans Netz – der Fall, über den verhandelt wurde, hatte aber zunächst einmal gar nichts zu tun damit und war geradezu skurril:

Auslöser war der Wunsch der Dance-Rock-Band „The Slants“ – auf Deutsch “Die Schlitzaugen”, ihren Bandnamen als Marke einzutragen. Natürlich ist der Name selbstironisch zu verstehen bzw. ein Spiel mit oder ein Hinweis auf Ressentiments. Die Band, ihre Mitglieder mit asiatisch-stämmigen Hintergrund und speziell der Gründer Simon Young sind viel auf Kulturfestivals unterwegs und setzen sich gegen Rassismus und ethnisch begründete Vorurteile ein. Die zuständige US-Patent- und Markenbehörde aber lehnte die Eintragung ab – der Bandname sei “offensive” und als Marke daher nicht zulässig.

Das war der Band dann zuviel der Political Correctness und in diesem Fall unnötiger Rücksichtnahme auf die Gefühle von asiatisch-stämmigen oder sonstigen sensiblen Menschen – sie legte Einspruch ein mit dem Verweis auf das “First Amendment” und das Recht auf Redefreiheit. Trotz der spitzfindigen Gegenargumention des Patentamtes gab der Supreme Court der Band nun Recht. Markennamen dürfen auch “offensive” sein, es besteht kein Zwang zum allseitigen “Happy Speech”. Die entscheidenden Sätze aus der Urteilsbegründung:

Speech that demeans on the basis of race, ethnicity, gender, religion, age, disability, or any other similar ground is hateful; but the proudest boast of our free speech jurisprudence is that we protect the freedom to express “the thought that we hate.”

Eine Sprache, die aufgrund von Rasse, Ethnie, Geschlecht, Religion, Alter, Behinderung oder ähnlichen anderen Gründen herabwürdigt, ist Hassrede. Aber die stolzeste Errungenschaft unserer Rechtsprechung zur freien Rede ist: Wir schützen die Freiheit, den Gedanken aussprechen zu dürfen, dass wir hassen.

Ein bemerkenswertes Urteil, das natürlich eine ganz große Relevanz für angebliche oder tatsächliche Hass-Postings im Netz hat und das sich vielleicht auch Bundesjustizminister Heiko Maas noch einmal genau anschauen sollte. Bei der Experten-Anhörung im Bundestag am Montag gab es ja eine Menge Kritik an Maas bzw. dem geplanten “Netzwerksdurchsetzungsgesetz” – der US-Supreme Court dokumentiert hier noch einmal die liberalere Rechtsauffassung: Im Zweifelsfall eben erst für freie Rede und gegen staatlichen Eingriff – sonst wird Zensur und dem Abwürgen von kontroversen Minderheits-Meinungen Tür und Tor geöffnet.

Das Urteil macht auch noch einmal ganz klar: Facebooks, Googles und Twitters grundsätzliche Regeln, ihre Sicht auf das Thema „was ist erlaubt und was nicht“ beruhen auf amerikanischem Rechtsverständnis und auf dem First Amendment, und das wird auch so bleiben. Und das ist vielleicht auch gut so. Wohlgemerkt – ich bin natürlich nicht der Auffassung, dass eindeutig justiziable Beleidigungen oder Bedrohungen ungeahndet bleiben und irgendwelche Idioten immer noch denken sollten, eine Beleidigung, Bedrohung oder Verhetzung sei online und über die Tastatur herausgekotzt irgendwie etwas anderes als im “richtigen Leben”.

Dagegen kann und soll man vorgehen – was wir allerdings nicht brauchen, schon gar nicht in der Diskussion mit Verschwörungstheoretikern und Lügenpresse-Anklägern: Eine prophylaktische Gedanken- oder Äußerungspolizei. Mit Blödsinn und Gehetze kann man sich auseinandersetzen, möglicherweise ist auch das einfache Ignorieren eine oftmals angebrachte Option. Aus dem Gelaber von rechtschaffenden, ein wenig angetrunkenen Bürgern am Stammtisch in Winsen an der Luhe hat man ja früher, in analogen Zeiten auch keine Staatsaffäre gemacht. 🙂

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 20.06.2017 (Moderation: Till Haase)

Youtube will – jetzt aber wirklich – mehr gegen extremistische Inhalte tun

Dass Kent Walker, Vize-Chef und der Leiter der Rechtsabteilung von Google den Vier-Punkte-Plan gegen extremistrische Inhalte zuerst in einem Gastbetrag in der Financial Times vorgestellt hat, spricht Bände: Die Video-Plattform und der Werbe-Mutterkonzern stehen massiv unter Druck. Von Seiten der Politik mit wohlfeilen Forderungen, aber viel wichtiger – von Seiten der Werbekunden, die ihre Produkte nicht mehr im Umfeld von Enthauptungsvideos, Hasspredigten und Fake News präsentiert wissen wollen.

Der Wink mit dem zugedrehten Geldhahn ist nun mal das immer noch überzeugendste Mittel – dagegen können noch nicht einmal die angedrohten paar Millionen Strafe aus dem Hause Maas anstinken. 🙂

Also macht Google bzw. YouTube genauso wie Facebook Kotau – ob die versprochenen Maßnahmen, vor allem die automatische Säuberung durch KI tatsächlich funktionieren, ist noch einmal eine andere Frage.

Deutschlandfunk Nova · Propaganda-Videos: Youtube will mehr löschen

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 19.06.2017 (Moderation: Till Haase)

Warum wird jemand Hacktivist? Jedenfalls nicht aus ganz nüchterner Kalkulation.

Lange nichts mehr gehört von Anonymous. Die letzten Aktionen – die Verhinderung von Donald Trump, die vollständige Vernichtung des IS jedenfalls in seinem Social-Media- und Netz-Treiben waren ja auch so grandiose Erfolge, dass nun erst einmal ein bisschen Ausruhen auf den Lorbeeren angebracht erscheint. Ok, das ist jetzt etwas fies von mir. Denn ich kann ja durchaus nachvollziehen, dass es wirklich ein paar junge Leute gibt, mit alterstypisch noch ziemlich kompromisslosen, unkorrumpierten oder auch unreflektierten moralischen Maßstäben, die ihre technologische Expertise umsetzen wollen in politischen oder gesellschaftlichen Einfluss.

Der anonyme Pressesprecher von Anonymous vor dem Brandenburger Tor. (Thomas Wolf, www.foto-tw.de Montage: anonym)

Ob da dann eben eine Hacktivisten-Aktion wirklich das Mittel der Wahl ist, darüber konnte man ja schon immer trefflich philosophieren. Dass da manche Leute demokratische Teilhabe mit Nötigung verwechselt haben, ist klar. Dass da manche Leute wegen eines solchen Irrtums vollkommen irrwitzig verfolgt oder bestraft worden sind, ist ebenfalls klar. Bei allen “Chancen und Risiken” von Hacktivismus – so die Ausgangsbasis von Wissenschaftlern der Arizona State University – sollte doch eigentlich eine ziemlich nüchterne “Kosten-Nutzen-Abwägung” im Sinne der Spieltheorie darüber Auskunft geben, ob jemand zum Hacktivisten wird oder nicht.

Das ist aber anscheinend nicht der Fall. Die Testpersonen in der Studie der Wissenschaftler (die sich selbst nicht als tatsächliche Hacktivisten outen mussten, sondern in die Rolle einer genderneutralen “Jordan” schlüpfen konnten) – die orientierten sich am möglichen Erfolg, nicht an den möglichen Risiken einer Hacktivismus-Aktion. Das ziemlich bierernste Fazit der Forscher: Mit mehr Aufklärung über mögliche drastische Konsequenzen von Hacktivismus ließen sich auch die Aktionen (und andere altersmäßig beliebte Netz-Handlungsmuster wie Raubkopiererei 🙂 ) signifikant vermindern.

Klingt und riecht alles so attraktiv wie ein fünf Wochen lang getragener Socken. Andererseits – mit irgendeinem gut gemeinten, aber letztlich blödsinnigen Hacktivismus seine Karriere/sein Leben zu zerstören, ist auch nicht besonders intelligent. Es gibt doch noch eine Alternative: Einfach öffentlich und im Netz sagen, was man Scheiße findet – das geht ja auch noch. Und manchmal hat sogar das eine gewisse Wirkung.

Deutschlandfunk Nova · Studie: Warum wird jemand Hacktivist?

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 15.06.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Zeynep Tufekci: Twitter and Teargas – über die Fragilität von Protestbewegungen im Netz

Ich erinnere mich noch sehr genau – als es losging mit dem “Arabischen Frühling”, da waren auch wir Journalisten und die “Neue-Welt-so-halb-oder-eben-eher-noch-gar-nicht-Checker” in den Führungsebenen der öffentlich-rechtlichen Sender oder der Presse geradezu besoffen von der Dynamik, dem subversiven, basisdemokratischen, revolutionären, unaufhaltsamen, vom die Diktatur hinwegfegenden Potential der über Twitter und vor allem über Facebook organisierten Protestbewegungen – von ein paar Spaßbremsen und ewigen Nörglern wie mir einmal abgesehen.

Und auch nicht nur Protest in autokratischen Regimen, auch Politikbetrieb übers Netz in etablierten Demokratien erschien plötzlich logisch und attraktiv und machbar – ablesbar am Erfolg der Piratenpartei in diversen europäischen Ländern. Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt. Dass Netzbewegungen kein Selbstläufer sind, ist klar; dass sie nicht per se etwas an den grundlegenden kulturellen und politischen Strukturen in einem Land oder einer Region ändern, auch. Die These von Zeynep Tufekci, den zahlreichen erst boomenden und dann verpuffenden Netz-Protestbewegungen mangle es an (politischem…) Handwerkszeug, so wie den auf ihre Sherpas angewiesenen Bergsteigern am Mount Everest – die klingt plausibel. Mit fehlendem Rückgrat – so wie das die Online-Kollegen bei Deutschlandfunk Nova titeln – ist dabei keineswegs ein moralisches, sondern ein anatomisches Problem gemeint…

Allzu konkrete Handlungsvorschläge oder gar Patentrezepte hat die Soziologin in ihrem Buch allerdings auch nicht zu bieten – dafür sind auch die politischen Rahmenbedingungen der “Bewegungen” von Zapatisten über schwarze Bürgerrechtler in den USA über Occupy in geordneten westlichen Staaten über Protestler in Tunesien, Ägypten oder der Türkei zu unterschiedlich. Zeynep Tufekci bezieht ganz ausdrücklich Position gegenüber der kritischen Interpretation eines Evgeny Morozov und seiner “Slacktivism”-Theorie. Aber dass repressive Regime hinzugelernt haben und nicht nur wieder erfolgreich zensieren und überwachen, sondern auch selbst die Klaviatur der Social Media bedienen – notfalls mit “Fake News”, Bots und Trollfarmen, das registriert und schildert die Soziologin in ihrem Buch auch.

Zeynep Tufekci hat große Sympathien für das zapatistische Motto „Wir gehen voran, während wir Fragen stellen.“ Ich selbst und wahrscheinlich der überwiegende Teil der Journalisten in öffentlich-rechtlichen oder einfach Mainstream-Medien teilen diese Weltsicht vermutlich so irgendwie. Aber das ist natürlich eine Wahrnehmungs-Brille (“Lügenpresse…”), die wir da aufhaben. Ein großer Teil der Weltbevölkerung ist überhaupt nicht links und anti-autoritär; sieht gar nicht aufklärerische Ideen, LGBTQ-Interessen und Verbesserungen bei den Menschenrechten als vordringlich zu lösende Probleme. 🙂 Möglicherweise nicht zu Unrecht.

Blicken wir nach Deutschland, nach Frankreich, Holland, in die USA; nach Russland oder in die Türkei: Viele Bürger dort, viele wahlberechtigte Bürger haben zu einem sehr signifikanten Anteil – in den USA und in der Türkei ist das Verhältnis ja etwa 50-50 – gar keinen Veränderungsimpuls. Oder vielleicht eher einen in die Gegenrichtung, zu mehr Autorität, Nation, Religion, Ressentiment. Das Mobilisierungspotential von Social Media hat auch bei Pegida funktioniert – darauf gibt es kein linkes, antiautoritäres Exklusiv-Abo…

 

Im Grunde spiegelt sich dieses Dilemma sogar in den Schilderungen von Zeynep Tufekci – sie beschreibt einigermaßen enthusiastisch die Ereignisse während des Putschversuchs in der Türkei im letzten Jahr – wie sie selbst die neuen Entwicklungen an ihre Follower twitterte, wie sie die eigentlich geplante Abreise aus dem Land spontan verschob, wie dann Staatspräsident Erdogan über einen Handy-Stream in CNN Turk zugeschaltet wurde und zum Widerstand gegen den Putsch aufrufen konnte, wie sich die Bevölkerung in den Social Media gegen den Putschversuch organisierte (während wiederum der Putschversuch auch über Social Media  organisiert wurde…) und auf die Straße ging. Das war das Eintreten der Bevölkerung für eine demokratisch legitim gewählte Regierung; keine Frage. Es wäre allerdings interessant zu hören, was Zeynep Tufekci jetzt über die Situation in der Türkei denkt.

Deutschlandfunk Nova · Politik: Demokratie via Netz verpufft

Deutschlandfunk Nova – Grünstreifen vom 18.05.2017 (Moderation: Tina Kiessling)

Erste Quartalszahlen: Snapchat auf Börsen-Crashkurs

Ich habe es ja schon oft eingestanden: Trotz meiner ganzen Internet- und Tech-Affinität; Kapital konnte ich noch nie daraus schlagen. Also so richtig, ohne Arbeit meine ich. Durch eine Beteiligung an der nächsten großen Sache. Durch ein paar Aktien, zum richtigen Zeitpunkt gekauft. Damals, bei Google – dass das eine gute Suchmaschine war und die mit der Werbevermarktung irgendwie so gestartet waren, das habe ich ja noch mitbekommen. Aber dass man damit soo viel Geld verdienen kann, und das nachhaltig? Hätte ich nicht gedacht. Facebook? Investieren in eine Selbstvergewisserungs-Maschine und gnadenlose Privacy-Vermarktung? Womit wollten die eigentlich Geld verdienen?

Mit Werbung. Ach so. Das habe ich auch nicht gedacht, dass das ein zweites Mal so gut funktioniert. Bei Twitter war ich dann wieder skeptisch, und irgendwie ja wohl auch zu Recht. Und dann Snap mit seinem “Leute-über-fünfzehn-kapieren-den-Witz-eh-nicht”-Messenger? Kann eigentlich nicht funktionieren, ich seh da kein nachhaltiges Geschäftsmodell und keine richtig relevante bzw. kaufkräftige Kundschaft. Jetzt, nach den ersten Quartalszahlen ist der Kurs mal richtig runtergecrasht. Evan Spiegel hat aber noch gut lachen – zumindest solange die Aktie nicht bei Null notiert, sind seine Optionen ja noch ein paar Dollar wert.

 

Ich hab mich jetzt mal von Evans guter Laune anstecken lassen und seiner Ankündigung, noch irrwitzig viele neue Super-Dinger zu lancieren in diesem Jahr. Die Idee mit den “Limitless Snaps” ist ja schon mal grandios – endlich kein Zeitdruck mehr beim Sexting-Bildchen angucken. Obwohl das ja gleichzeitig den USP und den Markenkern massakriert. Oder nicht? Egal. Ich hab mir jetzt also mal einen Ruck gegeben und auf die Optimisten bei Wired gehört. Und mir 10 Snap-Aktien gekauft, Kurs war 16,429 EUR. Wie hat doch André Kostolany immer so schön gesagt (oder war es Warren Buffet?): “Kaufen, wenn die Kanonen donnern.” Und dann liegen lassen und sich keine Gedanken wegen ein paar lumpiger Quartalszahlen machen.

Also noch mal ganz klar: Das sind Kaufkurse jetzt. Schnell zugreifen, bevor das andere Leute auch merken!

Deutschlandfunk Nova · Erste Quartalszahlen: Snapchat auf Börsen-Crashkurs

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 11.05.2017 (Moderation: Till Haase)