Archiv für den Monat: März 2017

Heikle Notoperation: YouTube schraubt am Algorithmus

Vor rund zehn Tagen ging die Sache los, und für „Netzchecker“ wie meine Kollegin Martina Schulte 🙂 war sofort klar: YouTube hat ein richtiges Problem. Da war nämlich großen Werbekunden aufgefallen, dass ihre schönen Produktclips (in denen teure Klamotten, schicke Autos oder saftige Burger ans Konsumentenvolk gebracht werden sollen…) vor Videos eingeblendet werden, die von Hasspredigern, Rechtsradikalen oder Verschwörungstheoretikern stammen. Seitdem der „Guardian“ darüber berichtet und selbst gesagt hatte „wir schalten keine Anzeigen mehr bei YouTube“, ist eine Lawine ins Rollen gekommen; immer mehr Werbetreibende haben ebenfalls die Zusammenarbeit mit YouTube gestoppt.

Jetzt reagiert das Unternehmen und schraubt massiv an den Algorithmen herum, wie und wo Werbeclips eingeblendet werden. Aber das führt auch wieder zu Irritationen – bei den Content-Produzenten, sprich den „YouTubern“ nämlich. Das Ganze ist ja ein Geben und Nehmen: ohne die Videoclip-Produzenten ist YouTube nichts. Und andererseits kann man als YouTube-„Star“ ungeahnte Kohle kassieren – und auch als Nicht-Star zumindest (je nach Klickzahlen…) einen kleinen, großen, marginalen oder eben doch wichtigen Finanzierungsbaustein für sein Anliegen generieren. Da sorgte ein Post eines YouTube-Community-Betreuers doch für einiges Aufsehen:

„Wenn ihr in den nächsten Wochen Fluktuationen in euren Einnahmen seht, dann könnte das daran liegen, dass wir gerade unser Anzeigensystem feintunen.“

Bei manchen YouTubern waren die angesprochenen „Fluktuationen“ und Algorithmus-Veränderungen offenbar auch schon direkt spürbar: Es gab Beschwerden von Transgender-Aktivisten und Leuten, die Gewalt gegen Frauen thematisieren, dass ihre Videos keine Werbeeinblendung mehr bekommen, obwohl sie nicht gegen die YouTube-Guidelines verstoßen. Außerdem kursierten Gerüchte, wonach YouTube generell nichts mehr an Channels mit weniger als 25.000 Abonnenten ausschütten wolle. Falsch, so die Reaktion von  YouTube, und in dem Post des Community-Betreuers heißt es:

„Wenn Du glaubst, dass dein Video zu Unrecht de-monetarisiert wurde, klicke auf das gelbe Dollar-Icon im Video-Manager.“

 

In dem Fall verspricht YouTube also eine manuelle Überprüfung. Auch YouTube-Chefin Susan Wojcicki ist in Berlin im Gespräch mit der Wirtschaftswoche-Chefredakteurin Miriam Meckel noch einmal auf das Problem „Werbe-Boykott“, aber auch auf die Vorwürfe z.B. aus der LBGT-Richtung eingegangen, ihre Inhalte würden nun zensiert – das sei keine Absicht gewesen. Aber eines ist klar: Bei der Gratwanderung von YouTube zwischen Werbe-Boykott und Neujustierung der Ausschüttungs-Algorithmen steht gewaltig etwas auf dem Spiel: Laut Wirtschaftswoche haben YouTube und der Google-Mutterkonzern Alphabet in der letzten Woche 26 Milliarden Dollar Börsenwert verloren – die Boykott-Diskussion dürfte da der maßgebliche Faktor gewesen sein.

Und dann war da auch noch am Mittwoch in der NYT ein höchst interessanter Bericht: Das Bankhaus JP Morgan Chase hatte – ausgelöst von der aktuellen Debatte – seine Werbestrategie einmal „testweise“ umgestellt. Bislang hatte die Bank ihre Anzeigen auf rund 400.000 Webseiten pro Monat plaziert, also nach der als „State-of-the art“ geltenden Schrotschuss-Methode. Nun hatte man die Werbeaktivitäten auf nur noch 5000 ausgesuchte Webseiten konzentriert. Und siehe da – der Effekt, also das Verhältnis Klickrate zu Kosten war gleichgeblieben. Fefe – auch er durchaus ein „Netzchecker“ 🙂  – hat das ja direkt richtig eingeordnet:

„Ooooh, das könnte ein Blutbad von biblischen Ausmaßen werden. Wenn das Schule macht, dann wird niemand mehr Werbung bei kleineren Sites oder gar Nicht-Superstar-Youtube-Kanälen machen wollen. Da könnte ein ganzes Ökosystem wegbrechen.“

Youtube: Schwierige Reaktion auf Werbung neben Hasspredigern · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 31.03.2017 (Moderation: Till Haase)

P.S. 07.04.2017: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ YouTube hat selbstverständlich auch niemals die Absicht gehabt, Channels mit weniger als 25.000 Abonnenten von den Werbe-Ausschüttungen auszuschließen. Sondern nur Channels mit weniger als 10.000 Views. 🙂 (Ganz ehrlich gesagt – das ist aus meiner Sicht auch o.k. so…)

Alles extrem schwierig halt, die Sache mit der Online-Werbung 🙂

Bahnhofsbox: Lebensmittel, Pakete und Wäsche in Schließfach abholen

Wir alle sind pausenlos unterwegs, permanent gestresst und unter Zeitdruck – eigentlich ist schon fast ein Wunder, dass wir nicht schon völlig verlottert und verhungert den Kampf mit dem Alltag verloren haben. Aber ok – immerhin können wir ja mittlerweile praktisch alles im Internet kaufen und uns sehr schnell bringen lassen. Klamotten, Klopapier oder Kaviar. Das einzige Problem – wohin soll die Lieferung gehen? Zuhause sind wir erst spät abends wieder. Zum Arbeitsplatz geht es schlecht, in der Uni gar nicht. Ab jetzt gibt’s eine neue Lösung: Zum Bahnhof, in die Bahnhofsbox.

Das Konzept ist natürlich ganz ähnlich zu den Paketboxen der Post – auch hier geht es um eine alternative Zustellmöglichkeit für alle, die tagsüber nicht zuhause sind. Die Bahnhofsbox zielt aber offenbar ganz stark auf spontane Bestellungen und Lieferungen, die wirklich in allerkürzester Zeit abgewickelt werden. Wo es also nicht um einen Tag, sondern um ein paar Stunden geht – und besonders im Fokus stehen da Lebensmittel. Beim Projektstart in Stuttgart ist Edeka der Partner – die Preise sollen weitgehend normal sein, und tatsächlich sind dann auch für Waren mit Kühlungsbedarf entsprechende Liefer- bzw. Abholboxen vorhanden – die Frischhaltekette wird garantiert.

 

Copyright: Deutsche Bahn AG / Stefanie Elsner

Bleiben noch ein paar Fragen, die ein Sprecher der Bahn freundlicherweise beantwortet hat:

Was ist die konkrete Motivation für die Bahn, also im Klartext: Gibt es auch eine finanzielle Kompensation ggf. in der Vertragsgestaltung mit dem Geschäftspartner Edeka?
Unser primäres Ziel ist, unseren Kunden mit der Bahnhofsbox einen neuen attraktiven Service anzubieten und damit den Aufenthalt auf den Bahnhöfen insbesondere für Pendler aufzuwerten. Diesen Service werden wir mit den Pilotprojekten in Stuttgart und Berlin testen – vorerst mit dem Partner EDEKA. Erst mit den resultierenden Erkenntnissen zur Marktakzeptanz werden wir Themen wie die Vertragsgestaltung mit Partnern für die Bahnhofsbox finalisieren.

Damit zusammenhängend – sind eigentlich irgendwelche Gebühren vorgesehen für die Szenarien, die unabhängig von der Lebensmittellieferung angedacht bzw. vorgestellt wurden – bei denen es ja noch nicht einmal zwangsläufig ein Geschäftsinteresse oder einen Umsatz geben würde (Schlüssel abholen etc.)?

Wir sind aktuell mit einer Vielzahl potenzieller Partner im Gespräch und entwickeln die jeweiligen Nutzungsmöglichkeiten. Diese sind sehr unterschiedlich. Allerdings haben die Partner in allen Fällen insbesondere deshalb ein Interesse an der Nutzung der Bahnhofsbox, da sich für den Dienstleister oder Händler dadurch einerseits eine Serviceaufwertung für den Kunden und andererseits ein optimierter weil gebündelter Lieferprozess ergibt. Insofern erfolgt die Erhebung einer angemessenen Transaktionsgebühr für die Nutzung der Bahnhofsbox in den bisherigen Gesprächen mit potenziellen Partnern im gegenseitigen Konsens.

Wäre es auch denkbar, in der Box Pakete zur Abholung durch Post und andere Paketdienste zu hinterlegen (z.B. Rücksendungen)?

Prinzipiell sind wir für alle Anwendungsfälle offen, die unseren Kunden das Leben vereinfachen. Im Rahmen der Pilotprojekte wird das Kundenverhalten und die Marktakzeptanz der Bahnhofsbox getestet – vorerst mit dem Partner EDEKA. Sind diese erfolgreich, werden weitere Bahnhofsboxen an ausgewählten Standorten in Deutschland installiert. Das Potenzial ist groß, denn das Konzept kann grundsätzlich an 5.400 Bahnhöfen in Deutschland umgesetzt werden. Auch weitere Nutzungsformen wie die Übergabe von gereinigter Wäsche, von Autoschlüsseln durch Mietwagenfirmen oder die Hinterlegung von online bestellten Paketen sind geplant.

Ganz klar – die Idee, obwohl nicht vollkommen neu, hat Potential: Naheliegenderweise eben für alle Bahnpendler, und das sind ja nicht so ganz wenige… Die Anlieferung an die Bahnhofsbox soll laut Bahn auch ökologische Vorteile bringen – nämlich überflüssige Wegstrecken bei Kunden und Lieferanten (etwa durch Fehlfahrten und Mehrfach-Zustellung…) vermeiden.

Bahnhofsbox: Lebensmittel, Pakete und Wäsche in Schließfach abholen · DRadio Wissen

DRadioWissen – Hielscher oder Haase vom 31.03.2017 (Moderation: Till Haase)

Wissenschaftler erstellen Liste mit empfehlenswerten Gesundheits-Infoseiten

„Ich habe mich schon mal im Internet schlau gemacht“ – wer mit diesen Worten bei einem Arztbesuch in einer Praxis das Gespräch beginnt, wird wohl bei Frau oder Herrn Doktor reichlich gemischte Gefühle auslösen. Einerseits – es spricht natürlich nichts gegen mündige Patienten, die sich informieren. Andererseits – aus Netzquellen kann man sich als Laie schon eine ganze Menge zusammenreimen und fehlinterpretieren. Und viele Seiten sind schlicht Humbug und postulieren veraltete, esoterische oder – sagen wir es mal zeitgemäß – „alternative Fakten“. Jetzt haben amerikanische Wissenschaftler in einer Großaktion gesichtet, welche Gesundheits-Infoseiten im Netz „nachweisbar“ empfehlenswert sind.

Die geringe Zahl von 44 Webseiten/Webportalen im Empfehlungs-Pdf mag überraschen – aber dennoch steckt hinter dieser Auswahl ein immenser Aufwand. Die Meta-Meta-Studie beruht nämlich letztlich auf 1733 Einzelstudien – und die als „the best of the best“ herausdestillierten Selbsthilfe-Seiten umfassen ein breites Spektrum. Bei sehr akuten oder lebensbedrohlichen Szenarien wie Krebs bleibt trotz aller Web-Infos nur ein Rat – sofort zum Arzt oder in die Klinik gehen. Dass die „Halbgötter/-göttinnen in Weiß“ tatsächlich auf dem neuesten Stand der Forschung sind, ist übrigens auch noch nicht garantiert. Ein bisschen vorab informieren schadet also nicht. Aber auf den richtigen Seiten, bitte.

DRadio Wissen · Medizin-Websites: Das bessere Dr. Google

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 30.03.2017 (Moderation: Till Haase)

Automatische Gesichtserkennung beim FBI und bei der Deutschen Bahn

Automatische Gesichtserkennung – das ist ja mittlerweile quasi eine Standard-Technologie. Bei den aktuellen Smartphones ist das eingebaut; Bildbearbeitungssoftware kann das, die Software von Google oder Facebook kann das auch, um z.B. Personen auf Fotos zu „taggen“. Und grundsätzlich funktioniert das natürlich nicht nur bei Fotos, sondern auch bei einem Video, etwa dem aus Überwachungskameras. In den USA ist gerade eine Diskussion neu entflammt, wie das FBI automatische Gesichtserkennung einsetzt – und bei uns in Deutschland, in Berlin soll die Technik demnächst auch wieder einmal erprobt werden.

Was das Hearing des Überwachungsausschusses des Repräsentantenhauses angeht – da wundert man sich fast schon, warum denn das Problem den nun Bedenken äußernden Politikern nicht schon nach dem Bericht des Rechnungshofes präsent war. Eine flächendeckende Überwachung von unbescholtenen Bürgern ist natürlich nicht in Ordnung. Andererseits – wenn eine Gesichtserkennungssoftware Personen identifiziert, die den ganzen Vormittag eine Rolltreppe rauf- und runterfahren (um nämlich anderen Zeitgenossen Geldbörse und Handy aus den Taschen zu ziehen…); oder die irgendwo am Gleis einen Koffer deponieren und sich dann schnurstracks entfernen – dann habe ich da irgendwie auch nichts gegen einzuwenden.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 28.03.2017 (Moderation: Till Haase)

Wie zerstört man ein Datencenter in 60 Sekunden?

Wenn man über Computerthemen schreibt und spricht, dann geht es ja normalerweise eher darum, wie man Daten zuverlässig sichern kann – auch im (jederzeit möglichen…) Notfall, wenn eine Festplatte ausfällt oder wenn wir uns Schadsoftware eingefangen haben. Aber auch das genau entgegengesetzte Szenario ist einen Gedanken wert: Wie können wir unsere Daten im Notfall eigentlich zuverlässig zerstören?

Wenn wir also etwas sehr heikles auf unseren Systemen gespeichert haben und die Polizei klingelt gerade unten an der Haustür? Natürlich soll das jetzt kein Ratschlag für Kriminelle, Steuerhinterzieher oder Kinderpornografie-Sammler werden.

Aber für eine Firma, ein Medienunternehmen, eine Oppositionellengruppe oder vielleicht auch für Diplomaten (oder Pseudo-Diplomaten, sprich Agenten…) in einem totalitären oder „kritischen“ Land stellt sich das Problem ja tatsächlich und ganz ernsthaft – und der australische Sicherheitsforscher und Autor von populären TV-Sendungen, „Zoz“ Brooks beschäftigt sich schon seit einiger Zeit theoretisch und praktisch…

…mit dem Thema – wie also vernichte ich schnell (innerhalb von 60 Sekunden…) nicht nur eine einzelne Festplatte (ein Schwertangriff auf den eigenen Computer ist z.B. nicht sehr zielführend…), sondern ein ganzes Datencenter?

Forensiker und Datenretter können ja selbst aus ziemlich angeschlagenen Datenträgern noch allerhand herausholen, bei den zeitgemäßen SSDs gibt es zwar theoretisch den „Secure Erase“-Befehl, aber auch ganz neue Herausforderungen – und letztlich stellt das auch alle User in sicherheitskritischen Bereichen vor die schwierige Frage, wie sie eigentlich ausgemusterte Datenträger zuverlässig vernichten.

Die Vorgabe „60 Sekunden, aber keine vollständige Zerstörung von Gebäuden und anwesenden Mitarbeitern“ macht die Sache – so die Experimente von Zoz Brooks – ziemlich schwierig. Mein Vorschlag wäre ja ein Hardware-Verschlüsselungsmodul, über das alle Daten hinein und wieder hinausgehen. Ein Modul, das den Schlüssel (nach einem State-of-the Art-Verfahren…) selbst erzeugt; unzugänglich für die Administratoren. Aus Sicherheitsgründen müsste dieses Modul redundant ausgelegt sein. Und im Zweifelsfall jagt man diese Module in die Luft oder grillt, plasmastrahlt, zernagelt oder verglüht die – und auf den Datenträgern bleibt nur Datenmüll. (Hochladen in selbst schon verschlüsselter Form ist natürlich eh eine gute Idee für die Datencenter-User…)

Zwei kleine Haken: Die ermittelnden Behörden, Schurken oder Geheimdienste könnten die Daten solange ins Archiv legen, bis sie einen passenden Quantencomputer zur Entschlüsselung haben. Und sie müssen natürlich auch begreifen, dass Erzwingungshaft oder Folter in diesem (tunlichst sehr transparent dokumentierten…) Szenario keinen Sinn haben. Wobei – man kann natürlich auch für die anschauliche und physisch überzeugende „Vernichtung von Beweismitteln“ in Haft kommen oder gefoltert werden. Die in Frage kommenden Regime sehen das ja bekanntlich alles nicht so eng…

DRadio Wissen · Datenschutz: So werden Daten zuverlässig zerstört

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 28.03.2017 (Moderation: Till Haase)

Steckt Nordkorea hinter Cyber-Attacken auf Banken?

Trotz aller anderen Skurrilitäten zur Zeit in der Weltpolitik – Nordkorea ist nach wie vor nicht zu toppen. Beherrscht wird das Land in dritter Generation von einer Diktator-Familiendynastie; Machthaber Kim Jong Un räumt dabei auch widerspenstige, gefährliche oder abtrünnige Verwandte per Hinrichtung oder Mordanschlag aus dem Weg. Ökonomische Kontakte hat das Land eigentlich nur nach China und – in einer Sonderwirtschaftszone – zum Nachbarn Südkorea. Ab und zu lässt sich das Land bzw. die Führungsclique angebliche Gesprächsbereitschaft mit ein paar Tonnen Reis bezahlen.

Die Bevölkerung lebt in der Mehrzahl unter prekären Umständen und einer abgeschotteten Welt – andererseits verfügt das Land angeblich oder tatsächlich über die Fähigkeit zum atomaren Schlag. Und auch im Internet tummelt sich zumindest ein kleiner Kreis von nordkoreanischen Akteuren sehr emsig, und das mit einem sehr einleuchtenden Ziel: Laut einem Bericht der New York Times versucht Nordkorea mit einer Vielzahl von Cyberangriffen auf das internationale Bankensystem, zu Geld zu kommen – und das gleich in ganz großem Stil.

 

Wie immer bei Hacking-Attacken, erst recht bei solchen von staatlichen und fachlich versierten Akteuren: Die Urheberschaft lässt sich praktisch nie ganz eindeutig beweisen. Aber natürlich ist das Kohle abgreifen übers Netz (oder zumindest der Versuch…) um so naheliegender, je mehr es an praktikablen und legalen anderen Einnahmemöglichkeiten im eigenen Land fehlt und je höher das Wohlstandsgefälle zu den Opfern oder Melkkühen ist – das gilt für die Cyber-Freibeuter aus Russland und anderen „Ostblock“-Staaten genauso wie für die talentierten Web-Bankräuber aus der Truppe des Herrn mit der problematischen Frisur.

DRadio Wissen · Nordkorea: Cyber-Attacken auf Banken

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 27.03.2017 (Moderation: Till Haase)

Social-Media-User achten stärker darauf, wer eine Story geteilt hat, als von wem sie stammt

Ihr bzw. wir Qualitätsmedien; wir müssen jetzt einmal ganz stark sein: Unseren guten Ruf, unseren Markenkern und unsere Credibility – die können wir uns sonstwo reinstecken. Jedenfalls, wenn unsere Rezipienten uns per Internet, per Social Media-Timeline rezipieren. Und das machen sie ja verdammt noch mal überwiegend. Sagen alle Marktforscher, Gurus und Evangelisten. Ein paar Fernseh- und Radio-Zuhör-Mohikaner gibt’s ja auch noch, sonst bräuchten wir schließlich kein Radio mehr zu machen 🙂 …

Die aktuelle Studie vom American Press Institute, beteiligt war auch die Nachrichtenagentur AP, ist für Medien-Akteure jedenfalls ziemlich niederschmetternd: Ob eine News von AP kommt oder angeblich von der (in Wahrheit gar nicht existierenden…) Website „DailyNewsReview.com“, das ist den Menschen ziemlich schnurzpiepegal. Gar nicht egal ist ihnen hingegen, wer die News denn „geteilt“ und damit in ihre Timeline gespült hat. Wenn das eine ihnen sympathische und vertrauenswürdige Person war, dann finden sie die Message vertrauenswürdig, glaubhaft und interessant, dann „sharen“, dann verteilen sie die gern weiter. Fakenews? Egal.

Und wenn die Nachricht von einem Unsympathen kommt, dann fällt sie tendenziell durch – egal, was da als Originalquelle steht. Wobei andererseits – und das nimmt vielleicht auch wieder den Marktforschern, Gurus und Evangelisten den Wind aus den aufgeplusterten Segeln: Die Leute glauben eh nur teilweise oder gar nicht, was sie in Social Media und Medien lesen; und trotzdem verbreiten sie selbst zu 20% auch nicht geglaubte und von unsympathischen bzw. unglaubwürdigen Sharern stammende News wieder weiter.

So ein Mausklick geht halt sehr schnell und unkompliziert und ist mittlerweile eher ein Reflex als eine reflektierte Aktion. Artikel wirklich lesen oder Radiobeiträge wirklich hören tun dagegen die wenigsten. Ist grausam. Aber wahr. 🙁

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 24.03.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Navi-Benutzung schaltet unser Gehirn ab – oder doch nicht?

In den Presse-Vorankündigungen hatte das auch erst einmal meine Aufmerksamkeit erregt: „Satnavs ’switch off‘ parts of the brain“ – so lautete die Schlagzeile bei Eurekalert. Und die Anführungszeichen, das wissen wir spätestens seit den Abhör-Vorwürfen von Donald Trump, die sind sehr wichtig 🙂 …Beim Blick auf das Abstract fand ich die Geschichte ganz nett, aber letztlich nicht so überraschend, als dass ich sie am nächsten Morgen thematisiert hätte. Insgesamt war die Presseresonanz aber ganz ausgezeichnet – und zwar, so kritisiert Dean Burnett vom Guardian, weil die Titelzeile schon reichlich „aufgesext“ und letztlich irreführend war.

This map shows the ‚degree centrality‘ of all the streets in central London. This reflects how many other streets are connected to each street, with blue representing simple streets with few connecting streets and red representing complex streets with many connecting streets. Credit: Joao Pinelo Silva

Zwar hatten die Forscher vom University College London explizit darauf hingewiesen, dass sich aus ihrem Navigations-Experiment im fMRI-„Hirnscanner“ keine Aussagen über irgendwelche Langzeitfolgen ableiten lassen würden – die Presse brachte dann aber doch „intuitiv“ naheliegende, aber falsche „Schlussfolgerungen“ wie: „Warum sich die Millenium-Generation immer verläuft“ oder „Navis lassen uns verdummen“ oder „Fahrer mit Navis erinnern sich nicht mehr an Straßen“. Aber wie Dean Burnett ja sehr schön als Beispiel anführt: Wenn ich keinen erhöhten Puls habe, bedeutet das noch nicht, dass mein Herz zu schlagen aufgehört hat oder „abgeschaltet“ ist – das Ausbleiben einer erhöhten Aktivität (und die ohnehin bekannten „Unschärfen“ bei allen Kernspintomograph-Hirnuntersuchungen haben wir da auch noch im Hinterkopf…) bedeutet nicht das „aktiv negative“ „Abschalten“ einer Funktion.

Ein vermeintlich sehr subtiler Unterschied, aber in Wahrheit ein eminent wichtiger.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 24.03.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Cyber-Ganove zockt 100 Millionen Dollar mit dem „Chef-Trick“ ab

Im Netz sind jede Menge Gauner unterwegs, die auf schnelle und leichte Kohle aus sind – da sprechen wir ja schon öfter drüber. Manche klinken sich beim Onlinebanking ein, manche lassen sich Ware mit gehackten Kreditkartendaten schicken, manche verschlüsseln Festplatten und erpressen einen dann. Alles sehr ärgerlich, aber vom finanziellen Schaden her meist noch so im drei, vier oder fünfstelligen Bereich. Es geht aber auch richtig groß, richtig episch. Sagen wir mal 100 Millionen Dollar. So etwas oberhalb dieser Summe hat nämlich ein Betrüger aus Litauen abgezockt, und zwar mit der sogenannten „Chef-Masche“.

Die „Chef-Masche“ ist eine spezielle Kombination von Phishing-Mails und Social Engineering: Beim Phishing soll ja der Mailempfänger zu einer Aktion verleitet werden; im simpelsten Fall, auf einen Link zu klicken oder ein Dokument zu öffnen. Beim Chef-Trick soll der Empfänger – typischerweise jetzt ein Angestellter/eine Angestellte im Rechnungswesen bei einer Firma – dazu verleitet werden, eine Rechnung zu begleichen und Kohle zu überweisen.

 

Und das funktioniert vielleicht sogar eher bei jungen, hippen Unternehmen, bei denen es insgesamt etwas formloser und flapsiger zugeht. Die Polizei geht angesichts des erheblichen Peinlichkeitsfaktors bzw. Reputationsschadens von einer signifikanten Dunkelziffer aus – manchmal lässt sich aber auch der Canossa-Gang an die Öffentlichkeit nicht vermeiden.

Ein insgesamt „nettes“ Geschäftsmodell – bei dem natürlich analog zu den recht reizvollen Abzock-Möglichkeiten auch recht amtliche Strafen und Gefängnisaufenthalte im Spiel sind. Das Ganze ist halt eine ganz nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung: No risk, no fun.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 23.03.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Sperma-Check mit dem Smartphone

Sprechen wir einmal über eine gar nicht so seltene Sache: Da ist ein Paar, die beiden wollen ein Kind bekommen. Sex haben sie auch regelmäßig und zum „eigentlich passenden“ Zeitpunkt – aber es klappt einfach nicht. Da kann die Psyche eine Rolle spielen; aber natürlich können auch ganz handfeste körperliche Gründe eine Schwangerschaft erschweren oder unmöglich machen. Im schlimmsten Fall lautet das Stichwort „Unfruchtbarkeit“ – entweder bei der Frau oder beim Mann. Wobei man da in manchen Konstellationen durchaus noch etwas machen kann…

Beim Mann ist ein wichtiger Faktor: Wie ist es denn eigentlich um seine Spermienqualität bestellt? Um das zu überprüfen, ist bislang meist ein Arzt- oder Krankenhausbesuch fällig; und der ist für viele mit einem gewissen Peinlichkeitsfaktor verbunden. Jetzt haben amerikanische Wissenschaftler einen Test für zuhause entwickelt. Der Test – von den Forschern, was die „Hardware“ betrifft, erst einmal als Prototyp im 3D-Druck-Verfahren erstellt – ist für die Anwender diskret, einfach und (voraussichtlich auch in der bald zu erwartenden Produktion…) billig. Die Diagnose ist aber offenbar so zuverlässig wie bei bislang bekannten Methoden.   

Wie bei anderen Selbst-Test-Kits auch: Eine Untersuchung und (hoffentlich…) fachlich abgesicherte Untersuchung bei einem Arzt oder in einer Klinik liefert noch weitergehende Aspekte oder Interpretationen. Aber der Smartphone-Sperma-Test ist mindestens besser als die Option, aus Scham oder Trägheit gar nichts zu unternehmen, wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt. Übrigens (wie auch die Autoren anmerken..) – das Ganze macht natürlich auch anders herum Sinn: Der Test eignet sich auch dazu, die Wirksamkeit einer Sterilisation beim Mann zu überprüfen 🙂

Selbsttest: App zur Spermien-Analyse · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 23.03.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

P.S. Auch beim Wissensgespräch haben wir das Thema heute noch einmal behandelt.