Archiv für den Monat: Oktober 2016

Facebook startet Image-Werbekampagne in Deutschland

Dass bei Werbung und PR ein klitzekleiner Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit bestehen könnte, das preisen verständige Bürgerinnen und Bürger ein. So ist Mariacron gewiss ein „großer deutscher Weinbrand“, die Hoch-Zeit eines ähnlichen Produktes („erst mal einen Dujardin“) ist auch schon ein Weilchen her, aber ein richtiger Cognac ist möglicherweise dann doch noch etwas anderes… Wie dem auch sei. Bei der aktuellen Facebook-Kampagne treten hippe Testimonials ins Bild, die erstmal gewisse Bedenken gegenüber dem Datenkraken Nr. 1 artikulieren.

Aber diese Bedenken lassen sich natürlich ganz leicht ausräumen. Mal was peinliches gepostet? Einfach löschen. Sorgen wegen nicht an die ganze Welt gerichteter Messages oder Bilder? Kein Problem, einfach die Empfänger etwas feiner einstellen in den Facebook-Optionen. Dass das jetzt nur im „sichtbaren“ Ergebnis etwas ändert, nicht aber in Bezug auf die von Facebook gespeicherten, ausgewerteten und an Werbetreibende weitergegebenen Persönlichkeitsprofile – geschenkt. Wenn irgendjemand von den „Freunden“ einen „peinlichen“ Post weiterverbreitet hat vor der „Lösch“aktion, dann bleibt das „wollte ich eigentlich nie, nie, nie teilen“ trotzdem im Netz, trotz aller treuherzigen Blicke in die Kamera.

Die Testimonials; jung, hip und gar nicht Oettinger, die sind jedenfalls überzeugt. Oder wie? Es ist halt eine Werbekampagne, das Ganze. 🙂

Einmal löschen – alles weg? · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 31.10.2016 (Moderation: Diane Hielscher)

Das Gehirn gewöhnt sich daran, andere zu betrügen

„Wenn man einmal auf die schiefe Ebene gekommen ist, dann gibt es kein Halten mehr.“ Die Warnung vor einem Dammbruch bei moralischen Prinzipien ist eine beliebte Argumentationsfigur von Theologen bis hin zu Kriminalwissenschaftlern und von ihnen beeinflussten Politikern. Aber offenbar ist der „Slippery Slope“, wie die Sache im Englischen heißt, nicht nur eine moralphilosophische These, sondern lässt sich sogar belegen – mit einem Blick auf neuronale Mechanismen in unserem Denkorgan. „Das Gehirn gewöhnt sich an Unehrlichkeit“, so lautet der Titel einer Studie in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Nature Neuroscience“.

Das klingt gar nicht gut, vom Standpunkt des Moralischen aus betrachtet. Tatsächlich erscheint es ja bereits intuitiv bzw. von den eigenen Lebenserfahrungen her ziemlich plausibel, was Tali Sharot und Neil Garrett vom University College London nachzuweisen versuchen: Der gleiche sinnvolle neuronale Mechanismus, der dafür sorgt, dass wir bei einem anhaltenden Sinneseindruck nicht ewig im Alarmmodus bleiben, bewirkt, dass auch unsere emotionale Reaktion auf einen gleichbleibenden Stimulus immer schwächer ausfällt.

Wenn dafür eine neuronale Adaption in der Amygdala verantwortlich sein sollte, wie das die Experimente der britischen Forscher nahelegen, dann heißt das ja noch nicht einmal, dass da ein „schleichender Werteverlust“ im Gehirn stattfindet, wie das die Kollegen im DLF getextet haben. Noch schlimmer – es bedeutet wahrscheinlich, dass das eigene Unbehagen über einen Verstoß gegen Werte, vielleicht auch die Angst vor Sanktionen oder sozialen Reaktionen schwächer wird. Und das würde heißen: Unsere Moral beruhte dann nicht auf positiven Motiven („Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“), sondern würde mit negativen Emotionen („Schuld, Angst und Sünde“) notdürftig und offenbar auch nicht nachhaltig im Zaum gehalten.

Natürlich gehen momentan bei einer wissenschaftlichen Studie, die sich auf fMRI-Auswertungen stützt, alle Alarmglocken an. Zweifel an der Kausalität zwischen der nachlassenden Amygdala-Aktivität und der wachsenden Lügen-Bereitschaft der Versuchspersonen können die Londoner Psychologen aber recht plausibel kontern: Wenn die neuronale „Abschlaffung“ etwas mit nachlassender Konzentration oder beginnender Langeweile zu tun hätte, müsste sie auch bei den Versuchen nachweisbar sein, bei denen kein eigener unfairer Vorteil zu erwirtschaften war. War sie aber nicht.

Das sind also alles recht unerfreuliche Perspektiven, die sich aus der Studie ergeben – zum Beispiel ja auch der Gedanke, dass die neuronale Anpassung oder Abstumpfung der emotionalen Reaktion auf Unehrlichkeit oder vielleicht auch auf Gewalt ziemlich plausiblerweise auch durch Input aus Filmen oder Computerspielen ausgelöst werden könnte. Aber vielleicht ist das auch der Punkt, die Reißleine zu ziehen: Das menschliche Verhalten in der Realität dürfte doch noch etwas komplexer ausfallen als bei einem sehr reduzierten Spiel-Experiment um Pennies in einem Glas.

Zur Ehrenrettung der Probanden der „Nature Neuroscience“-Studie sei erwähnt: In einer weiteren Spielvariante, in der sowohl sie selbst als auch die Partner eine höhere Belohnung erhalten sollten, wenn das Ergebnis der Schätzung über dem tatsächlichen Inhalt des Glases liegen würde, schummelten die Ratgeber noch heftiger. Eine „Win-Win-Situation“ war den Teilnehmern also noch lieber, als den Partner übers Ohr zu hauen. (Möglicherweise, weil nun etwas abstrakter geworden war, wer eigentlich betrogen wurde – die Veranstalter des Experiments? Gott? 🙄 )

Fest steht: Wer als Mensch für sich reklamiert, zurechnungsfähig zu sein, muss auch noch ein paar andere Gehirninstanzen hinzuziehen, um sein Verhalten zu steuern und zu rechtfertigen – das Argument „Herr Richter, ich kann nichts dafür, meine Amygdala war ausgeleiert“ dürfte nicht so recht ziehen 🙂 …

Schleichender Werteverlust – Wie sich das Gehirn ans Schummeln gewöhnt

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 25.10.2016 (Moderation: Ralf Krauter)

Verschlüsselungssoftware VeraCrypt – Unabhängige Überprüfung abgeschlossen

„Zahlreiche Sicherheitslücken in VeraCrypt gefunden“ – so titelten verschiedene IT-Newsseiten ihre Berichte über das Ergebnis des Software-Audits an. Das stimmt natürlich, trotzdem ist die Kernbotschaft eigentlich eine andere: Mit dem vom Open Source Technology Improvement Fund (OSTIF) in Auftrag gegebenen und durch die IT-Firma Quarkslab erstellten Gutachten können wir nun zunächst einmal davon ausgehen, dass VeraCrypt und sein Entwickler Mounir Idrassi grundsätzlich vertrauenswürdig ist. Die Chancen dafür standen ja ohnehin eigentlich schon besser als bei TrueCrypt, dessen Macher anonym blieben.

Wenn man mit Idrassi selbst spricht, dann verfliegen Zweifel an seiner Integrität ohnehin sehr schnell (was natürlich noch kein sicherheits-belastbarer Beweis ist 🙂 ); er ist enthusiastisch und gibt auch eigene Fehler unumwunden zu – wie etwa die im Audit bemängelte Verwendung veralteter und unsicherer Komprimierungs-Softwarebibliotheken. Obwohl mittlerweile auch aus der Open-Source-Community zahlreiche Beiträge zum Programmcode kommen – bislang ist VeraCrypt halt im wesentlichen ein Ein-Mann- und Freizeit-Projekt; und die Ressourcen von Mounir Idrassi sind begrenzt.

Immerhin ist jetzt auch der russische Entwickler Alex Kolotnikov mit an Bord – er zeichnet für den UEFI-Bootloader verantwortlich. Damit ist nun endlich auch auf neueren Computern und z.B. unter Windows 10 die komplette Verschlüsselung des Systems möglich. Und die ist unbedingt anzuraten, wenn man ein ernsthafteres Sicherheitsbedürfnis hat, als etwa nur die eigene Pornosammlung vor der Ehefrau zu verstecken: Auf einem normalen Windows reißen die unzähligen temporären Datenspuren, die Speicherdumps für den Schlafmodus oder Schnellstart, die Schattenkopien, Miniaturbildchen und automatischen Sicherungen alle Verschlüsselungs-Versuche gleichzeitig mit dem Hintern wieder ein, wie es so schön heißt. 🙂

Das gilt auch, wenn man sein Windows auf einer SSD eingerichtet hat – das Filesystem mit Clustern und Sektoren ist ja nur vorgegaukelt. Tatsächlich kopieren aber der SSD-Controller und Optimierungsalgorithmen wie das Wear-Leveling munter den Inhalt von Flash-Speicherzellen kreuz und quer auf dem Medium herum – zumindest vom Dateisystem her gibt es keine verlässliche Methode, Daten zu löschen. Und ob der „Secure Erase“-Befehl bzw. der Hardwareverschlüsselung des SSD-Hersteller letztlich vertrauenswürdig ist, ist schon wieder eine Frage des Glaubens, nicht des Wissens. Zu wenig für hohe Sicherheitsanforderungen.

Das einzige Szenario, das auch Mounir Idrassi für sicher halten würde: Die fabrikneue SSD komplett als Laufwerk bzw. Partition verschlüsseln und dann „on demand“ mit Veracrypt als logisches Laufwerk zu mounten – in diesem Fall würden ausschließlich verschlüsselte Daten auf die SSD geschrieben, weil Windows das „eigentliche“ Laufwerk für nicht partioniert hält und keinen Zugriff hat. In diesem Fall würden also auch die Wear-Leveling-Mechanismen nur verschlüsselte Speicherzelleninhalte umkopieren.

Auch wenn das noch keine offizielle Ankündigung ist – man kann wohl davon ausgehen, dass das BSI bzw. das Fraunhofer-Institut SIT, das ja Ende 2015 Truecrypt begutachtet hatte, in nicht allzu ferner Zukunft auch den Code von Veracrypt unter die Lupe nimmt. Mit einem zweiten Audit wäre dann auch das Argument eines Zweiflers im Heise-Forum entkräftet, Veracrypt-Programmierer und die Gutachter bei Quarkslab wären Franzosen, für beide würde ein Gesetz gelten, das der französischen Regierung eine Hintertür einräume.

Ein solches Gesetz gibt es nicht, entgegnet Mounir Idrassi – da habe der Zweifler wohl ungare Planspiele bestimmter Politiker mit der Realität verwechselt. Er selbst würde sofort die Arbeit an Veracrypt einstellen und das Projekt öffentlich für beendet erklären, falls irgendjemand von ihm verlange, die Software absichtlich unsicher zu machen.

Verschlüsselungssoftware VeraCrypt – Unabhängige Überprüfung abgeschlossen

Deutschlandfunk – Computer und Kommunikation vom 22.10.2016 (Moderation: Manfred Kloiber)

Fotografieren verboten? Wikipedia verliert Prozess gegen Mannheimer Museum

Vor Gericht ist es bekanntlich wie auf hoher See – entweder man erreicht wohlbehalten den Zielhafen, oder der eigene Kahn geht unter. Der günstige oder traurige Ausgang des eigenen Schicksals hängt an den zuständigen Richtern und ihrer Interpretation der Gesetze. Das Schifflein der Wikipedia ist jedenfalls gerade wieder einmal versenkt worden, oder hat zumindest ein happiges Loch in der Bordwand. Wobei gar nicht die Enzyklopädie selbst oder ihr Trägerverein Wikimedia der Beklagte war, sondern ein eifriger Wikipedia-Autor.

Ort des Scharmützels: das Landgericht Stuttgart. Und wieder mal ging es um einen Daueraufreger: Welche Fotos darf ich ins Netz stellen und welche nicht? Die Reaktion des Museums auf den Urteilsspruch ist ja irgendwie passiv-aggressiv 🙂 – vielleicht wäre da also doch mal eine höchstrichterliche Einschätzung hilfreich.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 14.10.2016 (Moderation: Till Haase)

Geofeedia: US-Polizei nutzte Daten aus Twitter und Instagram über Demonstranten

In den USA ist das ja leider schon fast ein trauriger Standard-Ablauf: Ein Schwarzer wird bei einem Polizeieinsatz erschossen, die Umstände sind nach Aussagen von Zeugen oder Aufnahmen von Kameras zumindest fragwürdig. Und anschließend kommt es zu tage- oder wochenlangen Protesten mit zum Teil bürgerkriegsartigen Szenarien. Im Moment sorgt gerade ein Bericht der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation ACLU für Aufsehen: Die US-Polizei nutzt Daten von Twitter, Facebook  und Instagram, um Demonstranten und Aktivisten zu überwachen bzw. sogar von dem Marsch auf die Straße abzuhalten. Geliefert werden diese Daten von einer Firma mit dem Namen Geofeedia.

Das klingt nach einem Skandal oder nach einem Eingriff in Bürgerrechte, und der Eindruck wird ja verstärkt durch die Reaktion der betroffenen Social-Media-Firmen: Instagram und Facebook hatten Geofeedia schon im September den Zugriff auf die Daten gekappt, und nachdem am Dienstag der ACLU-Report publik gemacht wurde, kam dann auch von Twitter postwendend die Message: Der Zugang von Geofeedia wird auf der Stelle beendet.

Aber „privilegiert“ oder „besonders“ ist dieser Zugang überhaupt nicht. Was Geofeedia weiterverkauft, ist schlicht und ergreifend die Nutzung von sogenannten APIs. Das steht für „Application programming interface“, auf Deutsch also „Anwendungs­programmier­schnittstelle“. Und über solche Schnittstellen hat man dann Zugang zu den Rohdaten des jeweiligen Dienstes, also z.B. auf Tweets oder Postings, aber ohne die normale grafische Aufbereitung oder Filterung oder Gewichtung. Einen solchen API-Zugang gibt es je nach Nutzungsintensität gratis oder gegen Gebühr.

Wer sich jetzt darüber aufregt, dass Polizeidienststellen über Geofeedia-Daten vermeintlich oder tatsächlich gewaltbereite Demonstranten abfängt, verkennt die Tatsache, dass Pepsi-Cola eben ansonsten unzufriedene Coca-Cola-Trinker zu identifizieren versucht 🙂 . Social-Media-Nutzer werden nun eben mal abgeschnorchelt und ausgewertet. Ob Konsumenten, Demonstranten oder Terroristen.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 14.10.2016 (Moderation: Till Haase)

Eine sexistische Herrentorte als US-Präsident? Lieber nicht.

Auf jeden Fall ist Robert de Niro der bessere Schauspieler als das amerikanische Dieter-Bohlen-Plagiat „Goldlöckchen“ Trump. Wieder mal bezeichnend für die US-amerikanische political-correctness-Befindlichkeit (die ulkigerweise ja Donald Trump gerade ganz kalkuliert mit Füßen tritt…), dass de Niros Klartext selbst der Kampagne „VoteYourFuture“ zu klar ist.

Mit seinen Ausführungen über den „Griff an die Pussy“  beschreibt der republikanische Kandidat ja möglicherweise ganz korrekt seine eigenen Eheanbahnungs-Hintergründe; das mag auch im Krawall-Privat-TV-Business noch einigermaßen adäquat sein. Präsidiabel ist es aber nicht so richtig.

Menschenaffen können irrtümliches Handeln vorhersehen

Wenn man mit Kleinkindern den Test macht, ob sie bereits über eine „Theory of Mind“ verfügen, bei anderen Personen also abstrakte Handlungsmotive wie Gefühle, Meinungen oder auch falsche Annahmen vorhersehen können, dann geht das relativ einfach – die Sprache hilft. Das klassische Experiment geht ungefähr so: Das Kind bekommt eine Keksdose gezeigt und wird gefragt, was wohl darin sei. Kekse, ist die Antwort. Beim Öffnen stellt sich heraus: Es sind aber Buntstifte darin. Die Dose wird wieder verschlossen. Eine neue Person kommt hinzu. Und das Kind wird gefragt, was diese Person wohl in der Dose erwartet.

Schon bei den Experimenten mit Kleinkindern hatte sich herausgestellt, dass das ausdrückliche sich entscheiden oder Auskunft geben müssen zu Unsicherheiten und Blockaden führt und zu einem vermeintlichen Scheitern in der Abstraktionsleistung. Wie dann aber Versuche mit einem Verfolgen der Blickrichtung, dem Eyetracking zeigten, waren auch sehr junge Kinder in Wirklichkeit doch schon auf der richtigen Spur. Bei entsprechenden Experimenten mit Tieren können diese leider nicht Auskunft darüber geben, was sie denken – das Studiendesign ist also extrem schwierig.

Das große Problem ist nämlich: Ist ein Verhalten, das einen erfolgreichen Wechsel der Perspektive, einen schlauen, abstrahierten Blick durch die Augen eines anderen suggeriert, nicht in Wirklichkeit ein relativ simples, erlerntes Ursache-Wirkung-Verhalten? Es ist zum Beispiel schon lange bekannt, dass Rabenvögel registrieren, ob sie beim Verstecken von Nahrung beobachtet werden. Und dass sie dann entweder ein neues Versteck suchen oder zumindest die Mitwisser gezielt im kritischen Areal attackieren. Aber ist das schon ein Beweis für den Perspektivwechsel im Sinne der „Theory of Mind“? Die Vögel könnten ja einfach ganz allgemein folgern: Wenn ich beobachtet werde, ist das schlecht, weil erfahrungsgemäß hinterher oft das Futter weg ist.

Im Februar 2016 konzipierte Thomas Bugnyar von der Uni Wien ein Experiment mit Kolkraben (die auf einem mit Primaten ebenbürtigen Intelligenzniveau sein dürften), in dem eine weitere Abstraktionshürde dazwischengeschaltet wurde: Die Raben registrierten bei ihren Versteck-Aktivitäten ein entweder offenes oder geschlossenes Guckloch, hinter dem sich akustischen Eindrücken zufolge neugierige Artgenossen befanden. Und mussten also die Transferleistung erbringen: Ich kann durch so ein Loch Dinge erspähen, also können es andere Raben wohl auch.

Die Versuche von Christopher Krupenye und Fumihiro Kano greifen den Eyetracking-Ansatz aus dem Kleinkind-Experiment auf. Die alternative Erklärungshypothese – die Affen folgen einem früher erlernten Verhalten – können sie trotz ihres auf den ersten Blick überzeugenden Experiment-Designs nicht völlig ausschließen. Sie halten diese für „nicht unmöglich, aber doch für unwahrscheinlich.“

Fumihiro Kano gibt dazu zwei Begründungen:

There is a so-called blindfold experiment for human infants, basically replicating the original eye-tracking False-Believe (FB) task, but with one change. The actor wore a blindfold instead of looking away when the object was relocated. There are two conditions; in one condition infants experienced that the blindfold was opaque. In another condition infants experienced that the blindfold was transparent. In the former condition (actor has FB), infants anticipated the actor’s reach based on FB. In the latter (actor does know what happened when wearing blindfold), infants were confused and made no prediction. This is a strong evidence that „the last location that actor saw“ isn’t a explanation at least for human infants.

Recently, a similar evidence came from ape studies. It’s not an eye-tracking but a behavioral task in a food competition.

Another reason is that we intentionally used novel situations that apes have never seen. „King Kong“ was novel. The social conflict with KK and Actor was novel. Then it is unlikely that apes have learnt the individual rules that can be used to predict the human actor’s behavior because apes have never seen such scenarios before.

Die Forscher wollen versuchen, ihre Ergebnisse durch weitere Experimente mit modifizierter Aufgabenstellung für die Affen zu belegen. Was die Sache natürlich noch einmal komplizierter macht: Selbst bei Menschen scheint der Perspektivwechsel und die „Theory of Mind“ ja gar keine klar definierbare objektive Erkenntnisfähigkeit zu sein, sondern von sozialen und kulturellen Faktoren abzuhängen. Anscheinend ist es so, dass bestimmte Lebensumstände (etwa auch der permanente Druck durch diebische Artgenossen bei Rabenvögeln…) bestimmte geistige Leistungen befördern. Und wem es sehr bequem und ohne großen Aufwand einfach nur gut geht, der ist offenbar tendenziell nicht am allerhellsten im Kopf 🙂 …

Biologie – Menschenaffen können irrtümliches Handeln vorhersehen

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 07.10.2016 (Moderation: Uli Blumenthal)

Die Rückkehr der Avatare: Facebook zeigt Social-Virtual-Reality

Eigentlich fällt mir spontan kein größerer Flop in der IT- und Netz-Geschichte ein als „Second Life“. Das war jene flache, bunte Welt, in der man sein digitales Abbild, einen Avatar durch die Gegend latschen lassen konnte. Und selbstverständlich konnte dieser Avatar vielleicht auch ein bisschen schicker, jünger oder reicher sein als man selbst in Wirklichkeit. (Noch mal zur Erinnerung – da konnte man sich ja virtuelles Eigentum kaufen in Second Life – gegen echte, reale Kohle, versteht sich.) Damals, 2003, redeten allen ernstes irgendwelche Netz-Berater völlig verdatterten Dax-Vorständen ein, ihre Unternehmen müssten unbedingt in dieser Parallelwelt präsent sein, mit Filialen, um dort Beratungsgespräche durchzuführen oder vielleicht sogar richtige Geschäfte abzuwickeln.

Absolut irre. Das einzige, was die Leute da letztlich interessiert hat in Second Life, war natürlich Sex. Andere Avatare anquatschen (hinter der vollbusigen Blondine steckte natürlich in Wirklichkeit auch nur ein anderer triebgestauter pickeliger Nerd…) und vielleicht kopulieren, digital. Nur war das eben rein optisch so ultra-weit entfernt von den mittlerweile im Netz verfügbaren Alternativ-„Erotik“angeboten, dass da nur sehr phantasie- und imaginationsbegabte Leute auf ihre Kosten kommen konnten. (Es soll allerdings nach wie vor Spuren von Leben geben im ausgehypten Alt-Universum 🙂 …)

Jetzt sind wir ein paar Jährchen weiter, es gibt 3D und Virtual-Reality-Brillen. Im Film- und TV-Bereich ist 3D eigentlich schon wieder gefloppt, und wieder bzw. weiterhin ist das plausibelste inhaltliche Angebot: Sex. Das ist aber bekanntlich etwas, was es nicht gibt im Universum Facebook. Insofern ist die Frage noch nicht beantwortet, was eigentlich die Avatare den lieben langen Tag über machen sollen in Mark Zuckerbergs VR-Reich, außer im Idle-Modus hin-und-her zu schwanken. Interessante Orte soll man besuchen in 3D, zusammen mit seinen Freunden. Karten spielen. Laserschwertduelle ausfechten. Werbung angucken. 🙂

Irgendwann wird das mit den Avataren und dem kompletten Ausklinken aus der Realität mal kommen, davon bin ich auch überzeugt. Momentan sieht es noch ganz stark nach Deja-Vu aus.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 07.10.2016 (Moderation: Diane Hielscher)

Wie die (freiwillige) Cyberwehr gegen Hacker kämpfen soll

Das IT-Sicherheitskonzept zur Aufrechterhaltung und Verteidigung infrastruktur-„relevanter“ deutscher Unternehmen war ja eine ausgesprochen schwere Geburt. Viele Firmen haben da in der Abwägung von „Reputationsschäden“ herumgeeiert: „wir sind gerade total gehackt worden, aber das jetzt überall herumzuposaunen, bringt uns ja auch nicht weiter“… Auch Politiker posten ihre „epic fails“ ja nicht freiwillig… Aber natürlich ist die Sache mit Koordination und gemeinsamem Vorgehen bei richtig happigen Cyber-Angriffen schon logisch. Nicht jedes kleinere Unternehmen kann das Know-How vorhalten, größere Unternehmen mit Top-Spezialisten können da hilfreich eingreifen.

Wobei die Gegenargumente in Sachen „Cyberfeuerwehr“ natürlich auch stimmen – wieso gilt eigentlich nicht mehr die Eigenverantwortung (und Haftung…) für Bullshit, der letztlich auf smarte Kostensenkungs-Schlaumeiereien von BWL-Fuzzies zurückgeht? Was ist mit angeblichen oder tatsächlichen Geheimdienst-Hacks? Wie läuft das mit der Geheimhaltung und dem Einblick in die „Kronjuwelen“ einer Firma? Noch ist ja auch völlig fraglich, welche Unternehmen überhaupt in die BSI-Pläne eingeweiht sind und/oder als „Kooperationspartner“ mitmachen wollen.

Wie die Cyberwehr gegen Hacker kämpfen soll · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 07.10.2016 (Moderation: Diane Hielscher)

Verfahren gegen Böhmermann eingestellt

Na ja, jedenfalls das „wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts“. Zu den Begründungen und Analysen könnte man wieder so das eine oder andere schreiben.

Schön ist, dass sich der Betroffene selbst fachkundig zu Wort meldet (Böhmermann, nicht Erdogan; der ist ja immer noch eifrig beschäftigt, die zahlreichen Häupter der Gülen-Terror-Hydra abzuschlagen 🙂 ) –

und dass man anlässlich der Verfahrenseinstellung noch einmal ausführlich zitieren kann, was denn eigentlich der Auslöser war – in Textform wie bei den Kollegen von Spiegel Online, oder vielleicht auch noch einmal in der eloquenten Darbietung des Bundestagsabgeordneten Detlef Seif.

Ausgestanden ist die Sache – das wollen wir wirklich einmal hoffen – noch recht, recht lange nicht.