Archiv für den Monat: September 2017

Cyberwährungs-Mining als faire Einnahmequelle für Medien-Websites?

Ich bin ja bekanntermaßen sehr skeptisch, ob das Finanzierungsmodell „Werbung“ wirklich der Bringer im Internet ist. Die Banner und Einblendungen, die Tracking-Cookies und Scripte nerven nicht nur total ( oder auf Neusprech: sie konterkarieren das „Benutzererlebnis“ der User…) – sie liefern uns auch Sicherheitslücken aus und opfern unsere Privatsphäre im Tausch gegen einen vermeintlichen Gratis-Deal. Trotz irgendwelcher Beteuerungen an sich gutmeinender Webseiten-Betreiber: Vor den vielfältigen, inakzeptablen Kollateralschäden kann uns kein gutmeinender Webseiten-Betreiber schützen; und so greifen wir halt zu Script- und Werbeblockern.

Auf der anderen Seite: Medien wie Zeit, Faz, Süddeutsche und Spiegel Online, die nicht wie öffentlich-rechtliche Sender auf „garantierte“ Einnahme-Töpfe zurückgreifen können, brauchen ein funktionierendes Monetarisierungsmodell. Einfach eine Paywall-Schranke einrichten und dann sehen, wieviel das Angebot denn den „Kunden“ wert ist, das wäre die radikale marktwirtschaftliche Variante. Vielleicht funken wir „zwangsabgabenfinanzierte“ ÖR-Medien da mit unseren Angeboten auch noch irgendwie rein – ich glaube das zwar eigentlich nicht, dass ein tatsächlich relevantes Konkurrenzverhältnis besteht; aber zugegebenerweise: Aktiv den Geldbeutel zücken fällt schwerer, als zu zahlen, weil man muss.

Aber vielleicht könnten ja reichweitenstarke Medien auf ein Konzept aufspringen, das bislang eher von Malware-Autoren oder den Betreibern zweifelhafter Websites ausprobiert wird: Nämlich, ihre Besucher Cyberwährungen schürfen lassen. Ich hätte jedenfalls überhaupt kein Problem damit, einer Website 80% meiner CPU- oder GPU-Ressourcen zur Verfügung zu stellen, während ich gerade die angebotenen Artikel lese, die Videos schaue oder Audios höre. Möglicherweise ergäbe das einen wesentlich zuverlässigeren Anhaltspunkt dafür, welche Inhalte für das Zielpublikum relevant sind (Verweildauer statt kurzes Clickbait-Headline-Anklicken…). Und auch Klickbetrug hätte sich beim Konzept „mine per view“ erledigt – die ganz große Frage ist halt nur, ob die erzielbaren Einnahmen pro (tatsächlichem, nicht gefakten…) Besucher mit denen beim Werbe-Modell vergleichbar sind.

Foto-Fake: Surfender Kriegsreporter hält Medien zum Narren

Es ist alles nur geklaut. Eduardo Martins, der blendend aussehende Fotograf aus Brasilien mit der tragisch-bewundernswerten Lebensgeschichte hat sich im Netz ein attraktives Alter Ego besorgt – aus den Instagram- und sonstigen Social Media-Accounts des Surflehrers (und Fotografen…) Max Hepworth-Povey. Und das Material, das er bei renommiertesten Auftraggebern wie BBC Brasilien, Wall Street Journal und Getty Images unterbringen konnte – das stammt ebenfalls aus dem Netz, von anderen, richtigen Kriegsfotografen.

Bild: BBC

Mit Photoshop umgehen kann Martins – wer immer sich hinter diesem Namen wirklich verbirgt – auf jeden Fall. Denn die Fotos, die ihn selbst in den Krisengebieten zeigen, mitten im gefährlichen Einsatz, die sehen ja sehr überzeugend aus. Aber sie zeigen immer Hepworth-Povey; mal das Gesicht, mal der Oberkörper hineinmontiert in wiederum geklaute Bilder. Dass sich eine spektakuläre, attraktive Biografie mit großer Resonanz im Netz später als zusammenfantasiert und erlogen herausgestellt hat, ist nicht neu – und Hochstapler gab es auch schon in analogen Zeiten.

Aber dass sich angebliche Qualitätsmedien – nach all den vorangegangenen Erfahrungen um gefakte Fotos aus Kriegsgebieten, nach allen penibel dokumentierten neuen Vorschriften und Richtlinien zur Verifikation von Bildmaterial – durch ein schlichtes horizontales Spiegeln geklauter Bilder zum Narren halten lassen können (und dass auch die Google-Bildersuche in diesem Punkt blind ist…), das ist schon ein richtiger Kracher. Und so dürfte es wohl zutreffen, was einige der „Kollegen“, die den Fake nun entlarvt haben, vermuten: Es sind noch zig andere „Eduardo Martins“ unterwegs im Geschäft mit den spektakulären, emotionsträchtigen Fotos – auf dem Jahrmarkt der Social-Media-Eitelkeit sowieso.

Deutschlandfunk Nova · Foto-Fake: Der surfende Kriegsreporter

..Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 07.09.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Alibaba bringt „Zahlen mit einem Lächeln“

Am Bahnhof Südkreuz in Berlin lauft ja gerade ein Videoüberwachungs-Pilotversuch, da will die Polizei herausbekommen, wie gut Gesichtserkennung in einem belebten, öffentlichen Raum funktioniert und ob das dann dazu taugt, Personen zu identifizieren, nach denen gefahndet wird. Das Projekt ist sehr umstritten – inzwischen ist vielleicht auch etwas Alarmismus lautgeworden – aber Kritiker sehen die Überwachungskameras als unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre unbescholtener Bürger. In China gehören Gesichtserkennungssysteme zumindest in Großstädten schon weitgehend zum Alltag – als Zugangskontrolle zu Gebäuden oder beim Einsteigen in die U-Bahn. Jetzt testet der Online-Händler Alibaba ein System, bei dem man mit einem Lächeln bezahlen kann – bei Kentucky Fried Chicken.

Dahinter stecken nicht etwa Sorgen über fettige Finger, die andere Bezahlkonzepte problematisch erscheinen lassen könnten. Alibaba und KFC sind geschäftlich verbunden. Und zu Beginn des Pilotversuchs muss die Hähnchen-Rechnung auch noch zusätzlich mit einer Mobilfunknummer-Eingabe legitimiert werden – so ganz trauen die Macher ihrer Gesichtserkennungs-Software offenbar auch noch nicht. Aparterweise stellt das System aber schon beim Eintreten registrierter Personen in den KFC-Shop Betrachtungen darüber an, welche Hähnchenteile die Person wohl gleich bestellen wird. Predictive Chicken Eating sozusagen.

Auch andere Umsetzungen von Gesichtserkennung führen in China (und hoffentlich bald ja auch in Deutschland…) zu verblüffenden Resultaten: Beim „Beer Festival“ in Qingdao sind der Polizei 25 gesuchte Personen ins Netz gegangen, darunter ein Mann, der seit über 10 Jahren auf der Flucht war. Und an chinesischen Straßenkreuzungen können dank der neuen Technik nun auch Über-Rot-geh-Sünder identifiziert und direkt individuell beschämt  werden. Hallo, ja Sie, Herr Gessat – es ist Rohoht!! Zum Glück ist ja Gesichtsverlust hierzulande nicht soo schlimm wie in Asien.

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 04.09.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Gotteslästerung: „Wissenschaftler“ zweifeln „Nutzen“ von Weihwasser an

Zwischen Wissenschaft (also dem Versuch, die Welt durch rationale Annahmen, nachvollziehbare Experimente  und überprüfbare Schlussfolgerungen zu erklären) und Religion (also dem Kunstgriff, irgendwelche bei rationaler Betrachtungsweise abstruse Begebenheiten, Behauptungen und Konstruktionen zur Glaubenssache zu erklären – gerne auch mit irgendwelchen Begründungen ausgeschmückt, warum die eigene abstruse Sichtweise die einzig korrekte ist und alle Vertreter anderer abstruser oder gar keiner Sichtweisen abgemurkst werden müssen…) klafft seit geraumer Zeit ein gewisser Dissens.

Momentan haben bekanntlich andere Religionen als das Christentum, vor allem der Islam bzw. seine salafistischen, wahhabitischen und sonstigen -istischen und -itischen Geschmacksrichtungen die Deutungshoheit darüber ergriffen, wer aus welchem Grund abzumurksen ist. Aber vor ein paar hundert Jahren wären auch bei uns Christoph König, Stephanie Tauchnitz, Heike Kunzelmann, Christian Horn, Frithjof Blessing, Matthias Kohl, Markus Egert vom „Institute of Precision Medicine“ an der Hochschule Furtwangen bzw. dem „Institut für Labormedizin“ in Siegen auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.

 

Die vermutlich jungen und in diesen Dingen möglicherweise noch etwas unbedarften Damen und Herren haben sich erdreistet, die Keimzahl in Weihwasser-Becken von fünf Kirchen in Villingen-Schwenningen und umliegenden Ortschaften zu ermitteln und zu vergleichen – und dabei die Fragestellung aufzuwerfen, ob dieses Weihwasser „eher gefährlich als nützlich“ ist. Allein schon die vermeintlich wissenschaftlichen Feststellungen bzw. Thesen sind mehr als fraglich:

Das Weihwasser aus Stadtkirchen war mit zwischen 1.500 und 21.000 Keimen pro Milliliter signifikant stärker belastet als das aus Dorfkirchen mit nur rund 100 Keimen pro Milliliter. „Wir vermuten, dass dieser große Unterschied auf die höheren Besucherzahlen in den Stadtkirchen zurückzuführen ist“, so Studienleiter Prof. Dr. Markus Egert. „Die Keimzahl zeigte eine Korrelation mit den Gemeindegrößen.“

Bei der erbärmlich geringen Anzahl von (fünf) untersuchten Weihwasserbecken könnte es natürlich genausogut sein, dass ein, zwei Wutzen in Stadtkirchen erst aus irgendwelchen Gründen ihren After massiert und dann anschließend ohne vorangegangene Handwaschung das kirchliche Ritual durchgeführt haben. Den Wissenschaftlern ist auch korrekterweise und „gottlob“ aufgefallen, dass bei einer im kirchlichen Ritual vorgesehenen „äußerlichen“ Anwendung des Weihwassers (selbst bei Weihwasser-Wutzen in der Gemeinde…) zumindest bei „unverletzter Haut“ keine gesundheitlich schädlichen Folgen zu erwarten sind. Wie die Sache beim zwangsweisen Tauf-Heruntertauchen unschuldiger Säuglinge aussieht, ist noch einmal eine ganz andere Frage.

 

Ich muss an dieser Stelle zugeben – das Original-Paper der lästerlichen Autoren habe ich (noch…) gar nicht gelesen. (Kostet ein paar Euro – wahrscheinlich würde ich das als Journalist auch so bekommen…) Ich wage aber mal zu bezweifeln, dass die jugendliche Bagage und ihr fahrlässiger Prof. dort eine tatsächlich belastbare Kosten-Nutzen-Aufstellung präsentieren können, ob der theologische Gewinn (Seelenheil, Performance im Jenseits…) nicht den fragwürdigen und empirisch äußerst mau untermauerten hygienischen Nachteil im Diesseits mehr als wettmacht. Und wie gesagt: Früher einfach mal – Scheiterhaufen.

 

P.S.

Aus gut unterrichteten Kreisen werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ein „zwangsweises Tauf-Heruntertauchen unschuldiger Säuglinge“ ein unrealistisches Szenario ist. Das vollständige Untertauchen, die Immersionstaufe (und da von Erwachsenen…) findet nur bei Baptisten oder Mennoniten statt. So ganz ernst gemeint hatte ich die Passage allerdings ohnehin nicht – auch bei einem Übergießen oder Besprengen des Täuflings dürfte das Taufwasser wohl nicht aus den am Kircheneingang platzierten Bottichen entnommen werden, in die zuvor Gläubige ihre Finger hineingesteckt hatten… Die spekulative Einlassung sollte eigentlich mehr die Absurdität einer Gefahrenabwägung bei äußerlicher Anwendung von Weihwasser illustrieren.