Archiv für den Monat: November 2015

Big Data – Handydaten verraten Wohlstand und Armut

Dass ein Mobiltelefon billig oder teuer sein kann, ist klar. Aber dass die Mobiltelefon-Nutzung etwas darüber verraten kann, ob der Besitzer oder die Besitzerin eher reich oder eher arm ist – darauf muss man erst einmal kommen. Oder man muss einen Computer darauf kommen lassen.

Das Versprechen von Big-DataModellen ist ja: Im Idealfall findet der Algorithmus in ziemlich unstrukturiertem Datenmaterial plötzlich Zusammenhänge, gewinnt neue Erkenntnisse, die bislang unentdeckt waren. Im banalsten und gleichzeitig auch häufigsten Szenario sind das ökonomische Erkenntnisse – wer bei Amazon schon drei Pferdehof-Bücher gekauft hat, interessiert sich vielleicht auch für einen Reitkurs; wer anscheinend dauernd mit Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs ist, braucht vielleicht ein noch schnelleres Auto, einen Zeitmanagement-Ratgeber oder eine Risiko-Lebensversicherung 🙂 .

Das ganz große Problem bei Big-Data-Ansätzen: Der Algorithmus spürt statistische Korrelationen auf (z.B. die Länge von Röcken zur Aktienperformance…) – aber ob letztlich wirklich ein Kausalzusammenhang dahinter steht, das kann man nur mit gesundem Menschenverstand oder mit einem Abgleich anhand von völlig unabhängigen Datenquellen überprüfen.

Auch Joshua Blumenstock von der University of Washington kann nicht bis ins letzte Detail erklären, warum Reiche in Ruanda andere Mobilfunk-Kommunikationsmuster haben als Arme. Aber ganz offensichtlich passt seine in der aktuellen Ausgabe von „Science“ vorgestellte Big-Data-Abschätzung des ökonomischen Status von Handy-Nutzern sehr gut zu Daten aus der realen Welt. Eine neue, preiswerte und ziemlich verlässliche Methode also gerade in Entwicklungsländern, Politikern eine Basis für ökonomische Entscheidungen zu geben – für Infrastruktur-Investitionen, Sozialmaßnahmen oder Steuertarife. Vorausgesetzt, die Entscheidungen sollen überhaupt aufgrund von objektiven Kriterien gefällt werden 😉 …

Big Data – Handydaten verraten Wohlstand und Armut

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 27.11.2015 (Moderation: Monika Seynsche)

Anonymous gegen den IS – ein Internet-Meme als Medienhype

Vollmundige Verlautbarungen, mit welch schrecklicher Wirkung man jetzt diesen oder jenen Bösewicht (bislang waren das ja vorwiegend Banken oder Behörden 🙂 …) aus dem Netz radieren werde – die haben wir ja schon oft gehört. Von anonymen Hacker- oder Aktivistengruppen, die sich LulzSec oder eben Anonymous nennen. Und wenn so ein Grüppchen dann mal konkret aufflog, dann waren das häufig eben nur ein paar Leute, die gerade mal der Pubertät entwachsen waren und ein DDOS-Script ablaufen lassen konnten.

Das schöne und semantisch ewig witzige an Anonymous ist eben das Anonyme; und jeder kann anonym im Namen der Anonymen Erklärungen abgeben, zum Beispiel des Inhalts, dass gewisse andere Anonyme nicht die wahren Anonymen sind und man sich daher schärfstens davon distanziere  – anonym selbstverständlich.

AnonymousPressesprecher

Der anonyme Pressesprecher von Anonymous distanziert sich von anonymen Trittbettfahrern. ( Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de CC BY-SA 3.0 Montage: anonym)

Die Annahme, dass es im Netz eine nennenswerte Crowd von koordiniert handelnden anonymen Aktivisten geben würde, die denn auch zu irgendwelchen spürbaren und sinnvollen Aktionen gegen einen Gegner wie den IS in der Lage wäre, ist vollkommen naiv und geht halt dem Vendetta- und Matrix-Mythos auf den Leim. Aber irgendwo will der verunsicherte Netzbürger ja seinen Like-Mausklick machen, um mit minimalem Aufwand digital Stellung zu beziehen oder einfach nur das Gefühl der Hilflosigkeit etwas abzumildern.

Und die Presse will natürlich auch immer allzu gern über irgendetwas wirklich spannendes und geheimnisvolles berichten  – da wird nur leider der ernüchternde Fakt außer acht gelassen, dass eine anonyme Netzquelle halt journalistisch praktisch wertlos ist. Wenn drei anonyme Wirtshausbesucher aus Winsen an der Luhe dem IS den Krieg erklären, dann hat das wohl kaum irgendeine Relevanz. Wenn sie aber eine Facebookseite oder einen Twitteraccount betreiben, der mit einer Guy-Fawkes-Maske garniert ist – dann plötzlich schon.

Mit Listen von angeblichen IS-Accounts, die sich dann als teilweise falsch recherchiert erweisen, mit Anschlagswarnungen über Twitter-Hashtags, die sich als Fehlalarm herausstellen – damit ist natürlich niemandem gedient. Dabei steht es ja jedem technisch versierten Hacker frei, ein paar islamistische Webseiten unter Beschuss zu nehmen – aber das Cyberkrieg-Geschwafel ist genauso kindisch wie das Geschwafel der Gegenseite. Selbstverständlich gibt es ja auch bei den Islamisten junge Männer mit Allmachtsphantasien und Computerkenntnissen, und selbstverständlich drohen auch die damit, die Welt der Ungläubigen digital auszuradieren.

Und dann gibt es auch noch die Cyberwar-„Profis“ bei den Geheimdiensten – was die ganze Sache nicht besser macht. Zuviel Herumsitzen vor Tastatur und Bildschirm geht halt immer mit einer etwas verzerrten Wahrnehmung der Realität einher.

Frage des Tages – Warum wird Anonymous den IS nicht besiegen?

Deutschlandradio Kultur – Kompressor vom 24.11.2015 (Moderation: Timo Grampes)

P.S. 3.12.2015 – Marina Strauß von der DW hat das Thema auch noch einmal ausführlich beleuchtet.

Unfreiwillig Fan vom IS? Facebook-„Gemeinschaftsseite“ sorgt für Verwirrung

In den letzten Tagen ist viel darüber diskutiert worden, ob man nicht stärker gegen Fanseiten oder Chat-Kanäle vorgehen müsste, die Werbung für den IS machen. Fakt ist, solche Seiten gibt es wie Sand am Meer – einerseits werden laufend welche gelöscht, und im Gegenzug werden laufend welche neu erstellt. Da passte dann gestern die „Entdeckung“ von Journalisten-Kollegen vom BR (und anscheinend auch noch anderer Printmedien) wie die berühmte Faust aufs Auge: Bei einer Facebook-Suche nach „ISIS“ bekamen sie als Treffer eine Seite, die „den Eindruck erweckt, vom islamischen Staat zu sein.“

Die Seite „Region des Islam“ war anscheinend von rund 24.000 Facebook-Usern „geliked“ worden, darunter offenbar auch vielen Freunden und Kollegen des Autors – dem sie auf Nachfrage aber dann versicherten, sie hätten da ganz bestimmt nicht auf das „Gefällt mir“-Knöpfchen gedrückt. Anschließend spekulierte der Kollege noch etwas über einen möglichen Facebook-Hack oder eine umbenannte oder gekaperte Seite, war dann aber im Grunde auf der richtigen Spur – in der Tat steckt hinter dem Ganzen ein simpler Facebook-Automatismus.

Die Seite war schlichtweg eine sogenannte „Gemeinschaftsseite“, die Facebook automatisch generiert, wenn es bei einer gewissen größeren Userzahl ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Thema feststellt – sei es für Käsekuchen oder halt für den IS. Gemeinschaftsseiten sind sozusagen Blaupausen, Blankovorlagen für eine „richtige“ Seite – als Beschreibungstext holt sich der Algorithmus einfach den passenden Wikipedia-Artikel.

Und weil ja diese Seitenerstellung auf Verdacht in vielerlei Hinsicht schiefgehen kann (wie man am aktuellen Beispiel sieht…), gibt es auf Gemeinschaftsseiten eine Editierfunktion, die jeder User nutzen kann. Zum Beispiel, um an Facebook zu melden, dass es zum Seitenthema schon eine „richtige“ Seite gibt und die automatisch erstellte also eine Dublette ist. Oder auch, um ein Problem zu melden, z.B. wenn das Seitenthema anstößig ist oder gegen die Facebook-Richtlinien verstößt.

Mit der Editierfunktion kann die Gemeinschaftsseite auch mit einer existierenden Facebook-Seite „zusammengeführt“ werden – damit hatten Spassvögel zum Beispiel einmal erreicht, dass bei einer Facebook-Suche nach „Schimpansen“ die NPD-Seite als Treffer angezeigt wurde.

Die „Region des Islam“-Seite war natürlich auch eigentlich nicht als „Fanseite“ des IS misszuverstehen – außer, wenn man eben wirklich nur ganz oberflächlich draufschaut (was allerdings heutzutage ja allgemein Usus ist 🙂 ). Mittlerweile ist das Objekt der Aufregung von Facebook gelöscht worden – wenn das Unternehmen gegenüber dem BR aber hier von einem „Bug“ gesprochen hat, dann stimmt das einfach nicht. It’s not a bug, it’s a feature. Ob die ganze Automatik-Funktion besonders glücklich konstruiert ist, ist eine andere Frage. Aber als Facebook-User hat man natürlich auch dieses Detail in den Nutzungsbedingungen mit abgenickt 🙂 …

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 20.11.2015 (Moderation: Till Haase)

de Maizière unterstützt wirksame Verschlüsselung – trotz der Terror-Diskussion

In den letzten Tagen ist viel darüber spekuliert worden, über welche versteckten Kanäle islamistische Terroristen kommunizieren – da ist von Playstations die Rede gewesen, aber vor allem natürlich von Verschlüsselung. In den USA fordern hochrangige Politiker wieder einmal ein Verbot von wirksamer Kryptografie – ganz anders dagegen unser Innenminister Thomas de Maizière: Er hat sich gestern ganz ausdrücklich dazu bekannt, dass Privatpersonen und Firmen absolut vertraulich kommunizieren können müssten.

In Anbetracht der aktuellen Lage ist das schon etwas überraschend, andererseits vielleicht auch nur ein Zeichen dafür, dass der Innenminister hier im Gegensatz zu diversen internationalen Kollegen kühlen Kopf bewahrt. Zum einen können die vielen Pro-Argumente für wirksame Verschlüsselung – als da sind Schutz der Privatsphäre, Schutz von Firmengeheimnissen, Schutz auch von politisch sensibler Kommunikation nicht einfach weggewischt werden durch den natürlich unangenehmen „Nebeneffekt“, dass auch Kriminelle und Terroristen verschlüsselt kommunizieren können.

Zum anderen ist ja trotz der Forderung von technisch Ahnungslosen eine „Abschaffung“ oder ein Verbot von Verschlüsselung gar nicht mehr machbar – die Technologie, die Software ist in der Welt, ist verfügbar für alle mit etwas Know-How…

Laut Informationen der französischen Sicherheitsbehörden haben die Attentäter von Paris gar nicht verschlüsselt, sondern per gewöhnlicher SMS kommuniziert – das deutet einerseits darauf hin, dass Polizei und Geheimdienste personell bzw. von ihren Resourcen her jetzt schon überfordert sind. Andererseits – wenn Täter (die selbstverständlich mit dem Islam gar nichts zu tun haben…) ihr Ableben (und die reichlich vage Hoffnung auf die ihnen zum Preis im Jenseits wartenden Jungfrauen…) schon jetzt einkalkulieren… – dann braucht man natürlich kurz vor dem Übergang in jene glorreiche Sphären keinen Gedanken mehr auf PGP, Signal oder sonstige konspirative Software verschwenden…

Dradio Wissen – Schaum oder Haase vom 19.11.2015 (Moderation: Till Haase)

Hartnäckige Werbe-Verfolger: Sound Beacons und Cross Device Tracking

Das Internet nutzen und trotzdem noch ein bisschen Privatsphäre bewahren – irgendwie scheint das ja völlig inkompatibel zu sein. Am PC haben wir uns quasi daran gewöhnt, dass Google, Facebook und halt die ganze Werbeindustrie uns um jeden Preis identifizieren und bei jedem Besuch wiedererkennen möchten – ob das immer so ganz legal und mit geltenden Datenschutzvorschriften kompatibel ist, das ist noch die andere Frage.

Nur surfen wir mittlerweile fast häufiger mit dem Smartphone und dem Tablet; und dass eine Person mehrere Geräte benutzen kann, ist ja zunächst einmal ein grauenvoller Albtraum für unsere fürsorglichen Werbe-Verfolger. Es wäre ja entsetzlich, wenn wir vielleicht auf unserem Dritt-iPhone nicht darüber informiert werden, dass die Autorin des Kinderbuches, das wir vor zwei Jahren der Tochter unserer besten Freundin geschenkt haben, ein neues Epos aus der lukrativen Welt der Pferdehof-Abenteuer veröffentlicht hat.

Zum Glück gibt es auch für das grässliche Problem mit den multiplen Werbeziel-Persönlichkeiten eine aparte technische Lösung – das Ganze nennt sich „Cross Device Tracking“; und die vielleicht ausgebuffteste Einzeltechnologie sind die „Sound Beacons“, die offenbar von den Anwendern unbemerkt schon in einer ganzen Reihe von Apps stecken

Anfang der Woche hat sich die FTC, die Federal Trade Commission mit dem „Cross Device Tracking“ beschäftigt – man kann nur hoffen, dass die Behörde die Bedenken der Datenschützer ernst nimmt und zumindest eine Hinweispflicht (mit der Option, das geräteübergreifende Herumlauschen nicht zuzulassen…) vorschreibt…

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 18.11.2015 (Moderation: Marlis Schaum)

Der Anti-Turing-Test bei Facebooks „M“

Ob es die natürliche, die menschliche Intelligenz überhaupt gibt, zumindest in hinreichendem Maße, das kann man ja zuweilen stark bezweifeln. Aber die künstliche, die Computer- oder Roboterintelligenz, die ist auf jeden Fall schwer im Kommen. Zum Beispiel in der Form der digitalen Assistenten, die jetzt überall drin stecken und mitlauschen, die Wissensfragen beantworten, Aufträge entgegennehmen oder das Wetter oder Staus vorhersagen.

Notfalls kann man mit Siri, Cortana oder Google Now auch einfach ganz zwanglos plaudern. Am liebsten natürlich über Sachen, bei denen eine künstliche Intelligenz doch eigentlich irgendwann aus der Kurve fliegen müsste. So hat das auch Arik Sosman mit Facebooks neuem Messenger-Assistenten „M“ gemacht. Im Gegensatz zum herkömmlichen Turing-Test wollte er aber nicht eine KI enttarnen, die sich als Mensch ausgibt, sondern Menschen, die als angebliche KI agieren. Das Gesprächsprotokoll bei Medium.com liest sich ganz amüsant – das Ganze ist aber, wie auch in den Kommentaren unter dem Artikel betont wird, an sich so überraschend oder skurril nun auch wieder nicht: „M“ ist noch in der Betaphase und kann nur von einer Handvoll Tester ausprobiert werden, und Facebook hatte in der entsprechenden Pressemitteilung selbst darauf hingewiesen, dass der KI-Assistent zunächst noch von Menschen aus Fleisch und Blut unterstützt wird.

Wie gut sich „M“ als fertiges Produkt schlägt, bleibt einstweilen offen. Theoretisch wäre ja eine Idee, dass alle Standard-Fragen und Aufgaben von der KI erledigt werden, und nur die extrem kniffligen an Menschen weitergegeben werden. Aber auch das würde letzlich einen immensen Personalaufwand bedeuten – kaum vorstellbar, wo Facebook doch momentan noch nicht einmal Hasspostings gesetzeskonform weggelöscht bekommt 🙂 …

Aber natürlich werden KI-Systeme auch ohne menschliche Nachhilfe immer leistungsfähiger. Gerade hat Google „TensorFlow“ als Open Source freigegeben – das dürfte dafür sorgen, dass sich noch mehr Programmierer mit den digitalen Zauberlehrlingen beschäftigen.

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 11.11.2015 (Moderation: Till Haase)

T-Mobile kappt Daten-Limit bei Videos – Sündenfall für Netzneutralität?

Bei uns in Europa hat jüngst das EU-Parlament die Weichen in eine andere Richtung gestellt, aber in den USA gilt eigentlich die strikte Netzneutralität – und von daher sorgt dort das neue Angebot von T-Mobile für mächtig Wirbel. Mit „Binge On“ will der Provider künftig Videostreams nicht mehr auf das Datenvolumen seiner Kunden anrechnen; damit wird Filme schauen auch ohne WLAN zu einer realistischen Option.

Der kleine, große Haken – das grenzenlose Streaming-Vergnügen gilt nur für das Angebot von zunächst 24 Kooperationspartnern. Und damit werden logischerweise alle Anbieter benachteiligt, die nicht mit im Boot sind. Falsch, sagt T-Mobile-Boss John Legere – es könne ja jeder ohne Auflagen und Kosten ein „Kooperationspartner“ werden, vorausgesetzt, die Streams würden in einem bestimmten Format angeliefert – und vorausgesetzt, das Angebot sei „legal“.

„The Verge“ nimmt Legere diese Argumentation nicht ab – die Rolle als Mittler zwischen Anbieter und Konsument, die Entscheidungshoheit zwischen „Gewinnern“ und „Verlierern“ gebe T-Mobile zuviel Macht. Und schließlich sei auch das großzügige Geschenk an den Kunden pure Augenwischerei – die Mobilfunkprovider hätten zuvor die Ressource „Datenvolumen“ künstlich verknappt bzw. verteuert, um ihre Gewinne zu sichern.

DRadio Wissen · T-Mobile kappt Daten-Limit: Videos ohne Ende

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 11.11.2015 (Moderation: Till Haase)

Journalisten im Visier der russischen Troll-Fabrik

Ob westliche Medien im Zusammenhang mit der russischen Annexion der Krim (bzw. anders herum formuliert, dem „selbstbestimmten Beitritt der Krim in die russische Föderation“ 😉 ) , nach dem Abschuss von MH17 oder dem laufenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine immer ausgewogen und korrekt berichtet haben, darüber kann man streiten und darüber ist auch gestritten worden.

Die Aktivitäten der russischen Troll-Fabriken hingegen, in denen bezahlte Lohnschreiber nach klarer inhaltlicher Vorgabe als vermeintlich private Akteure Meinung machen; in den Kommentarspalten westlicher Zeitungen, Sendern und Blogs, in den einschlägigen Social-Media-Kanälen – das ist halt kein Beitrag zur Ausgewogenheit, sondern Propaganda und Desinformation als Teil einer sehr gut durchdachten russischen Medienstrategie.

Genau so, also sehr kritisch hat das auch die finnische Journalistin Jessikka Aro vom Sender Yle gesehen und dargestellt – dafür ist sie ins Visier der Troll-Fabrik geraten. Wenn man ihren Erfahrungsbericht liest, dann packt einen schon das Grausen…

DRadio Wissen · Russische Internetstrategie: Im Visier der Troll-Fabrik

DRadio WIssen – Schaum oder Haase vom 10.11.2015 (Moderation: Marlis Schaum)

Grippe-Prognose mit Google-Daten: „ARGO“ will Schwächen von „Flu Trends“ ausbügeln

Als Google 2008 die „Flu Trends“ vorstellte, war das Projekt ein erstes Musterbeispiel für die Auswertung von „Big Data“, für den möglichen Erkenntnisgewinn also aus einer riesigen Menge weitgehend unstrukturierter Daten. Die ursprüngliche Idee ist nach wie vor plausibel: Wenn plötzlich sehr viele Menschen in einer bestimmten Region im Netz nach Begriffen wie „Schnupfen, Fieber, und Grippe“ suchen, dann sind sie oder ihre Angehörigen wahrscheinlich betroffen – und wenn das Suchinteresse ein bestimmtes Maß überschreitet, dann deutet das auf eine drohende Epidemie hin.

Der Charme des „Flu Trend“-Modells: Die Prognose arbeitet quasi in Echtzeit. Der Haken: Sie beruht auf einer Hypothese, nicht auf realen Krankheitsfalldaten. Kritik an der Methodik und Vorhersagegenauigkeit des im Sommer eingestellten Google-Modells gab es laufend; als Alternative liefert z.B. die Auswertung der Anfragen bei Wikipedia deutlich bessere Prognosen.

Aber der Ansatz auf der Basis von Suchmaschinendaten ist nach wie vor brauchbar, schreiben Statistiker von der Harvard University im Fachblatt PNAS. Ihr neues Prognosemodell ARGO hält konsequent Tuchfühlung mit der Realität – zum einen durch einen ständigen Abgleich mit den tatsächlich gerade verwendeten Suchbegriffen, zum anderen durch einen ständigen Abgleich mit den gerade erhobenen Grippe-Krankheitsdaten der Gesundheitsbehörden. Die permanente Selbstkalibrierung macht die ARGO-Vorhersagen erheblich verlässlicher als die der Konkurrenz-Prognosemodelle, das zeigen die Forscher zumindest anhand der historischen Daten.

Fehlt also nur noch der Praxistest – auch ARGO arbeitet nur mit Wahrscheinlichkeiten und statistischen Modellierungen. Und wie heißt es so schön: Prognosen sind eine heikle Angelegenheit; vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen.

DRadio Wissen · Neue Grippe-Prognose „ARGO“: Dem Schnupfen entkommen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 10.11.2015 (Moderation: Marlis Schaum)

P.S. – Ob eine netzbasierte Echtzeit-Situationseinschätzung bzw. eine Echtzeit-Prognose auf der Basis eines statistischen Modells gegenüber einem Lagebild oder einer Prognose auf Basis von validierten Realdaten wirklich allzu viel bringt, das kann man bezweifeln, sagt Silke Buda vom Robert-Koch-Institut. Der zeitliche Vorsprung der Netz-Prognose beträgt im besten Fall zwischen drei bis maximal acht Tagen – aber auch eine statistisch signifikante Aussage „geringe Grippe-Wahrscheinlichkeit“ schützt ein Individuum ja nicht vor einem individuellen Infektionsrisiko.

Nach wie vor ist die beste Grippe-Prophylaxe gerade für Risikogruppen die rechtzeitige Impfung. Die nimmt man am besten vor der Grippe-Saison vor, also bevor statistische Modelle oder die Realdaten-Reports Alarm schlagen.

Deutschlandfunk: Suchmaschinendaten – Neuer Anlauf für die Grippeprognose

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 18.11.2015 (Moderation: Uli Blumenthal)

P.S. 4.1.2016: Die mit „ARGO“ ermittelten Vorhersagen sind nun – zusammen mit den Daten bzw. Prognosen aus weiteren Quellen – abrufbar unter www.healthmap.org/flutrends/.

Eine Ausweitung des Modells auf andere Regionen und andere Infektionskrankheiten wie Dengue ist offenbar geplant.

Führerschein und Registrierungspflicht für Drohnen-Piloten

Für die einen sind sie ein nerdiges Spielzeug, für die anderen eine preiswerte Alternative zum Helikopter-Einsatz. Aber ganz klar – die ferngesteuerten unbemannten Flugobjekte bergen auch einiges Gefahrenpotential in sich. Im einfachsten Fall stürzen sie unbeabsichtigt auf Personen ab – mit u.U. fatalen Folgen. Oder sie verletzen die Privatsphäre anderer Mitmenschen; und nicht jeder Betroffene hat eine Schrotflinte griffbereit. Sehr angesagt ist offenbar derzeit der Drohnenflug über Gefängnismauern hinweg, um Insassen mit Mobiltelefonen, Drogen oder Waffen zu versorgen. Und letztlich kann eine Drohne natürlich auch eine Bombe als „Nutzlast“ ans Ziel tragen.

Ob die Personenschützer von Bundeskanzlerin Angela Merkel seit dem „Angriff“ durch die Piratenpartei im Jahr 2013 mittlerweile ein wirksames Abwehrmittel im Arsenal haben, das bleibt Geheimsache.

Nicht mehr geheim, sondern in Prinzip auch nachvollziehbar sind dagegen die Pläne des Verkehrsministeriums zur Regulierung der Drohnen-Fliegerei – auch wenn angesichts der Registrierungspflicht noch Fragen offen bleiben.

DRadio Wissen: Kommt der Drohnenführerschein?

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 9.11.2015 (Moderation: Marlis Schaum)