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Künstliche Intelligenz aus dem Google-Labor: Vogelstimmen erkennen

Künstliche Intelligenz, neuronale Netze, maschinelles Lernen – das alles ist der absolute Supertrend. Und die KI steckt uns Menschen bei vielen Aufgaben ja schon in die Tasche: Beim Gooder Poker– oder PacMan-Spielen, beim Analysieren von Röntgenbildern oder von Aktienkursbewegungen. Alle große IT-Firmen investieren hier riesige Summen – und erhoffen sich noch größere Profite. Facebook, Microsoft und Google haben alle eigene Forschungsabteilungen, die ziemlich frei experimentieren dürfen. Beim Google-Labor gibt es ein neues Projekt, das erst einmal ein wenig überrascht. Die Programmierer haben die KI angesetzt auf: Vogelstimmen.

Was dabei herausgekommen ist, ist (typisch für den Einsatz von KI…) für den Menschen erst einmal kontra-intuitiv. Während ein Ornithologe oder Vogel-Liebhaber Zwergdrossel oder Herbstpfeifgans eher anhand eines charakteristischen Gesamt-Gesangs identifizieren würde (Hilfestellung leisten da Datenbanken mit entsprechenden Sound-Beispielen…) und dabei eine Abstraktionsleistung vollbringt (vom Typischen zum Konkreten), identifiziert die KI winzige Bruchstücke des Gesangs und verpasst ihnen eine Signatur, eine bestimmte Position in einer Gesamtmatrix des insgesamt vorkommenden Sound-Spektrums.

Und möglicherweise ist dieser Ansatz wieder einmal leistungsfähiger als der menschliche – oder zumindest für den Einsatz in einer App „in the field“ brauchbarer. Denn im Wald oder in der idyllischen Auenlandschaft piepsen und singen die Vögel ja durcheinander; dass da ein Kandidat seine Strophe solo und vollständig ins Mikrofon des interessierten Lauschers flötet, ist eher unwahrscheinlich. Vielleicht hilft ja der KI-Ansatz von Google den am Markt erhältlichen Apps noch etwas auf die Sprünge – die haben nämlich zwar teilweise ganz gute Bewertungen bei iTunes, aber teilweise auch eher schlechte; dort und auch im unabhängigen Test.

Bei mir selbst hat die App „Zwitschomat“ meinen Amsel (Turdus merula)-Gesang, den ich ab und zu aus dem Fenster meines Arbeitszimmers erschallen lasse, um allzu kecke und nervende Platzhirscheamselmännchen zu vergrämen, als Singdrossel (Turdus philomelos) identifiziert. Das ist immerhin nahe dran. Außerdem gibt es für „Zwitschomat“ im Gegensatz zu „Vogelstimmen ID“ aktuelle Updates, und die App läuft auch auf der iWatch. Bei dieser Option muss man allerdings etwas vorsichtig sein. Wenn man da arglos den Arm hochreckt, um die Nachtigall trapsen zu hören, denken andere Leute womoglich, man zeige den Deutschen Gruß 🙂 .

Künstliche Intelligenz: Vogelstimmen erkennen · Deutschlandfunk Nova

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 19.06.2017 (Moderation: Till Haase)

Warum wird jemand Hacktivist? Jedenfalls nicht aus ganz nüchterner Kalkulation.

Lange nichts mehr gehört von Anonymous. Die letzten Aktionen – die Verhinderung von Donald Trump, die vollständige Vernichtung des IS jedenfalls in seinem Social-Media- und Netz-Treiben waren ja auch so grandiose Erfolge, dass nun erst einmal ein bisschen Ausruhen auf den Lorbeeren angebracht erscheint. Ok, das ist jetzt etwas fies von mir. Denn ich kann ja durchaus nachvollziehen, dass es wirklich ein paar junge Leute gibt, mit alterstypisch noch ziemlich kompromisslosen, unkorrumpierten oder auch unreflektierten moralischen Maßstäben, die ihre technologische Expertise umsetzen wollen in politischen oder gesellschaftlichen Einfluss.

Der anonyme Pressesprecher von Anonymous vor dem Brandenburger Tor. (Thomas Wolf, www.foto-tw.de Montage: anonym)

Ob da dann eben eine Hacktivisten-Aktion wirklich das Mittel der Wahl ist, darüber konnte man ja schon immer trefflich philosophieren. Dass da manche Leute demokratische Teilhabe mit Nötigung verwechselt haben, ist klar. Dass da manche Leute wegen eines solchen Irrtums vollkommen irrwitzig verfolgt oder bestraft worden sind, ist ebenfalls klar. Bei allen „Chancen und Risiken“ von Hacktivismus – so die Ausgangsbasis von Wissenschaftlern der Arizona State University – sollte doch eigentlich eine ziemlich nüchterne „Kosten-Nutzen-Abwägung“ im Sinne der Spieltheorie darüber Auskunft geben, ob jemand zum Hacktivisten wird oder nicht.

Das ist aber anscheinend nicht der Fall. Die Testpersonen in der Studie der Wissenschaftler (die sich selbst nicht als tatsächliche Hacktivisten outen mussten, sondern in die Rolle einer genderneutralen „Jordan“ schlüpfen konnten) – die orientierten sich am möglichen Erfolg, nicht an den möglichen Risiken einer Hacktivismus-Aktion. Das ziemlich bierernste Fazit der Forscher: Mit mehr Aufklärung über mögliche drastische Konsequenzen von Hacktivismus ließen sich auch die Aktionen (und andere altersmäßig beliebte Netz-Handlungsmuster wie Raubkopiererei 🙂 ) signifikant vermindern.

Klingt und riecht alles so attraktiv wie ein fünf Wochen lang getragener Socken. Andererseits – mit irgendeinem gut gemeinten, aber letztlich blödsinnigen Hacktivismus seine Karriere/sein Leben zu zerstören, ist auch nicht besonders intelligent. Es gibt doch noch eine Alternative: Einfach öffentlich und im Netz sagen, was man Scheiße findet – das geht ja auch noch. Und manchmal hat sogar das eine gewisse Wirkung.

Deutschlandfunk Nova · Studie: Warum wird jemand Hacktivist?

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 15.06.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Neue Geigen sind besser als alte? So einfach ist die Sache nicht.

Wenn man die Veröffentlichungen von Claudia Fritz, Akustikerin am Nationalen Forschungszentrum CNRS in Paris, mitverfolgt – oder vielmehr die Schlagzeilen, die dann in der medialen Abbildung der „Blind-Spiel- oder Hörtests“ geschrieben werden, dann ist die Diagnose eindeutig. Das Geheimnis der Stradivaris: gibt es gar nicht. Weder für die Spieler selbst, noch für die Hörer. Der Nimbus der alten Instrumente, die hohen Preise für die wenigen am Markt verfügbaren Exemplare aus der Glanzzeit Cremonas: ein Marketing-Gag und Abzockerei. Das ganze Suchen, Testen, Eintauschen und Sich-Hocharbeiten von Instrument zu Instrument bei zehntausenden von Profi-Musikern: alles Selbsttäuschung und Akustik-Voodoo.

 

Als Musiker sage ich einfach einmal: Das glaube ich nicht. Als Sänger sage ich einfach mal: Das für den Laien potentiell nach Voodoo klingende psycho-akustische Phänomen der „Tragfähigkeit“, dass eine Stimme oder auch eine Geige beim Musiker selbst, am Mund oder am Kinn laut klingen kann und dann aber nur bis zur vierten Reihe im Saal reicht, das ist Realität. Anders herum funktioniert das genauso – eine an sich „kleine Stimme“, die aber „über das Orchester kommt“ und letztendlich die vermeintliche Super-Wuchtbrummen-Kollegin „plattmacht“ – auch das ist Realität und völliger „Common Sense“ bei allen Experten und im Musikgeschäft an Opern oder bei Orchestern Beteiligten – und nach dem Kriterium werden halt u.a. Stellen besetzt.

Die „Tragfähigkeit“ hat etwas mit Formanten zu tun, die – so sagt das auch Claudia Fritz – bei Stimmen und Blasinstrumenten noch etwas anders funktionieren als bei Geigen; und sich bei Geigen im Vergleich zu Stimmen oder Blasinstrumenten auch schlechter identifizieren oder quantifizieren lassen. Claudia Fritz ist auch mit der Bewertung ihrer Experimente im Gespräch sehr viel zurückhaltender als die Schlagzeilen in der Presse suggerieren – strenggenommen haben die Versuche aus allen drei Veröffentlichungen nämlich nur eine sehr, sehr begrenzte Aussagekraft:

Die Ergebnisse gelten nur für die jeweiligen Instrumente, die jeweiligen Räume und die jeweiligen Spieler. Das Argument von mit alten Instrumenten vertrauten Geigern, dass eben auch eine einstündige Beschäftigung mit einem unbekannten Instrument nicht ausreicht, dessen akustische Finessen zu ergründen bzw. mit dem eigenen Spiel-Stil in Übereinkunft zu bringen, ist unbedingt ernstzunehmen. Zu den – im Beitrag erwähnten – individuellen Spieltechniken kommen auch noch regionale Vorlieben dazu: In Amerika werden die Instrumente vorzugsweise „härter“, mit einem brillanteren Ton eingestellt (z.B. über die Stimmstock-Position oder die Besaitung…) In Europa sieht man das anders. Wie der Klang „sein soll“, hängt auch vom gespielten Repertoire oder der Situation ab – Solokonzert oder Streichquartett?

Fazit: Wenn die Experimente von Claudia Fritz und ihren Kollegen dazu beitragen, dass sich Musiker und Geigenbauer vorurteilslos darüber klar werden, was sie eigentlich wollen, dann ist das natürlich zu begrüßen. Und eigentlich alle befragten Geiger sagen: Natürlich gibt es auch ausgezeichnete moderne Instrumente, die möglicherweise auch nach einer gewissen Zeit vollkommen an die alten heranreichen. Aber ein Satz wie „Stradivari-Geigen halten dem Vergleich mit modernen Violinen nicht stand“ – sorry, liebe Kollegen – ist einfach nur Bullshit von Ahnungslosen.

Quelle: Akustik – Zuhörer bevorzugen den Klang moderner Geigen

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 16.05.2017 (Moderation: Uli Blumenthal)

App „Justice“: Selbst-Check von unbewussten Vorurteilen

Wenn es um den Einsatz neuer Technologien geht, sind die US-Amerikaner deutlich experimentierfreudiger als wir Bedenkenträger in der Alten Welt. Und während wir hier noch sehr zaghaft „Crime prediction“-Programme zur eventuellen Verhinderung von Wohnungseinbrüchen testen, ist „Künstliche Intelligenz“ in den USA schon im vollen Praxis-Einsatz. Und liefert Richtern Einschätzungen darüber, wie hoch denn etwa die Rückfallwahrscheinlichkeit eines Angeklagten ist.

Das hat dann natürlich u.U. massive Auswirkungen auf das Urteil und das Strafmaß – kurz und knapp gesagt: Ein Algorithmus entscheidet (mit…) drüber, ob jemand in den Knast wandert und für wie lange. Ein Algorithmus einer privaten Firma, dessen interne Entscheidungskriterien aber völlig intransparent sind – für Richter, Delinquenten und Strafverteidiger. Spätestens seit dem Artikel bei Propublica im letzten Jahr ist klar – die KI ist alles andere als objektiv. Sie liefert für Schwarze einen signifikant höheren Rückfall-Risikoscore als für Weiße. Suresh Venkatasubramanian, Professor an der University of Utah, macht schon seit langem auf den Skandal aufmerksam – und auf die Ursachen.

Die KI lernt nämlich ihre vermeintlich „intelligenten“ Weisheiten schlicht aufgrund der Trainingsdaten, mit der sie gefüttert wird. Und die Vorurteile, vor allem eben auch die unbewussten, die – um beim konkreten Beispiel zu bleiben – in menschlichen Urteilen, Gutachten und Prognosen stecken, kehren anschließend im trainierten Algorithmus wieder. Das reicht sogar bis in den Bereich der Semantik; bis zu den subtilen Nuancen, welche Begriffe positiv oder negativ besetzt sind, das hat vor kurzem ein Artikel im Fachblatt „Science“ gezeigt: Noch nicht einmal unsere Sprache selbst ist objektiv.

App „Justice“, University of Utah

Wer einmal Richter spielen möchte und nachprüfen will, nach welchen Kriterien man selbst urteilen und Strafen verhängen würde, kann das mit der App „Justice“ ausprobieren – die man dabei auch gleichzeitig trainiert, diese Kriterien ebenfalls zu übernehmen. Ob 50 (bzw. 45, anschließend „verurteilt“ Justice selbst…) Versuche tatsächlich ausreichen, um alle möglichen Parameter für ein „unconscious bias“ zuverlässig zu identifizieren, das bezweifle ich allerdings einmal. Auch die  recht happigen (Minimal-) Strafmaße bei vielen Delikten machen die App für europäische Anwender vielleicht etwas unrealistisch bzw. dürften die Ergebnisse verzerren.

Für einen kurzen Test und eine kurze Erkenntnis reicht das Programm aber allemal: Die KI ist so subjektiv wie wir selbst.

Deutschlandfunk Nova · Justice-App: Selbst-Check von unbewussten Vorurteilen

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 02.05.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Freischwebender Bullshit: Facebook will Gedanken lesen

Die Gedanken sind frei. Sich Irgendwas ausdenken, oder mal irgendwie über die Zukunft nachdenken, das wird man doch wohl noch dürfen. Oder mal die Gedanken schweifen lassen. Ganz frei, völlig losgelöst von irgendwelchen Realitäten. Alles ist erlaubt bei einem Brainstorming. Auch totaler Bullshit.

Facebook will demnächst irgendwann mal Gedanken lesen, bzw. Gedanken als Input-Channel nutzen für – ja was denn eigentlich? Für ein tastaturloses Katzenbildposting, für ein Liken des gerade vertilgten Burgers oder ein prospektives Ändern des Beziehungsstatus („im Moment bin ich gerade mit der langweiligen und bei Licht besehen doch nicht so attraktiven X – was besseres war aber gerade nicht im Angebot – liiert, denke aber, dass ich eigentlich lieber die scharfe Y als Freundin hätte…“  Oder zum Steuern von Autos??

„Würde Facebook das Projekt gelingen, könnte das Problem der Spracherkennung ausgeschaltet werden. Wenn ich dann denke, dass ich im Auto rechts abbiegen will, erkennt mein Navi das automatisch“, sagt Klaus Heblich von der SWR-Wissenschaftsredaktion.

„Solche Technologie existiert heute nicht. Wir werden sie erfinden müssen“, hat Facebook-Managerin Regina Dugan am Mittwoch auf der Facebook-Entwicklerkonferenz F8 gesagt. Stimmt. Der Warp-Antrieb existiert auch noch nicht, aber wenn sich 60 Leute beim milliardenschweren Werbe- und Selbstvergewisserungskonzern von Herrn Zuckerberg dransetzen, dann müsste das doch eigentlich auch zu schaffen sein. Dran arbeiten am neu erfinden kann man ja mal. Oder das planen, aber jetzt schon mal rausposaunen – in die dankbare Presselandschaft.

 

Die greift solch futuristische Pläne ja gerne auf und diskutiert die dann auch ganz ernsthaft mit „Experten“. Wenn Facebook an sowas arbeitet, muss das ja irgendwie realistisch sein. Oder aber total spekulative Zukunftsvision, die man einfach mal als kommerzieller Akteur im Markt freischwebend daherpinseln und -schwafeln kann. Im Klartext: Bullshit, jedenfalls auf sehr lange Sicht hin. Schauen wir doch mal ganz kurz auf die Fakten: Die bisherigen Ansätze zum Abgreifen von irgendwelchen motorischen oder intellektuellen Absichten (Ja – Nein, Cursor nach rechts oder links…) sind von der Praxistauglichkeit (Elektroden im Gehirn…) oder der Geschwindigkeit äußerst bescheiden.

Natürlich ist es eine großartige Sache, wenn Leute mit Locked-In-Syndrom (oder mit anderen Behinderungen; das Paradebeispiel ist vielleicht Stephen Hawking…) einen (bislang sehr mühsamen…) Weg bekommen, sich zu artikulieren. Aber das ist auch schon das einzige relevante Szenario für die „Gedanken-Lese-Technologie“, jedenfalls für die nächsten 20, 30, 40 Jahre (mit Prognosen soll man ja vorsichtig sein, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen…). Es gibt nicht den allergeringsten Anhaltspunkt, wie ein „Abgreifen“ komplexerer Gedanken als „Ja-Nein“, „Cursor nach rechts, Cursor nach links“ oder „vorgegebene Auswahlmöglichkeit auswählen“ zuverlässig funktionieren soll.

Wie die Facebook-Evangelisten (oder die Presse oder die befragten Experten…) auf die Idee kommen, die herbeiphantasierte Technologie könne sinnvoll die (ja auch noch gar nicht zuverlässig und ansatzweise befriedigend umgesetzte…) Spracherkennung ablösen oder ersetzen, das ist mir völlig schleierhaft. Nehmen wir mal das bei Tagesschau.de erwähnte Szenario: „Ich denke jetzt mal, dass ich rechts abbiegen will. Ach nee, doch nicht, ich würde zwar eigentlich gerne, aber da ist ja ein Lastwage…“  Die Handlungsweisen, ethischen Aspekte und Haftungsfragen bei eventuell eingebundenen KI-Assistenz-Systemen sind auch noch völlig ungeklärt, um mal ein eventuelles Gegenargument gleich einzubeziehen.

Oder die anderen Beispiele:

So könnte der Gedanke an eine Tasse direkt mit dem entsprechenden Fremdwort in Spanisch oder Chinesisch umgesetzt werden, sagte die Facebook-Managerin. „Eines nicht so fernen Tages könnte es sein, dass ich auf Chinesisch denke und sie es sofort auf Spanisch fühlen.“

Hatte ich gerade gedacht – der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank; oder mit dem würde ich gern eine Tasse Tee trinken? Natürlich „gehe es nicht darum, wahllos Gedanken zu lesen“. (z.B. um dann direkt Burger- oder Porno-Werbung einzublenden…) „Nur solche Gedanken, die an das Sprachzentrum weitergeleitet würden, seien gemeint.“ Und wie soll das gehen, diese Differenzierung??? „War dieser Gedanke von dir gerade zur Weiterleitung an das Sprachzentrum gedacht? Denke bitte Ja oder Nein.“ „Meintest Du gerade Porno oder Burger, denke bitte P oder B.“ Bist Du sicher? Denke Ja oder Nein“. Ich setze mir zur Klärung dieser Feinheiten aber erst mal ein Elektroden-Mützchen auf. (Seid ihr wahnsinnig, ihr Vollhorste ???)

Fazit: Die Facebook-Ankündigung ist die größte Luftnummer, die ich in den vergangenen Jahrzehnten (ok, sagen wir mal seit Duke Nukem…) gelesen habe. Irgendwann wird so was natürlich mal kommen. Irgendwann werden wir den Gehirnerweiterungs-Chip implantiert haben. Irgendwann werden wir wirkliche von implantierten Erinnerungen nicht mehr unterscheiden können, irgendwann werden wir den Warp-Antrieb haben – oder denken, wir hätten ihn. Vielleicht steht da sogar dann „Facebook Virtual Reality“ drauf. Momentan ist das aber alles totaler Bullshit. Oder halt eine sehr völlig freischwebende Vision. Da wäre ich ja der letzte, der das verbieten wollte. Man muss das nur auch Bullshit nennen dürfen.

(Nachklapp 27.04.2017:) Wired sieht Facebooks Visionen ähnlich kritisch wie ich.

Sensible Plaudertaschen: PIN-Klau per Bewegungssensor

Desktop-Computer sind ja mittlerweile ziemlich out – heutzutage kommt man bestens mit Tablet und Smartphone aus. Und macht darüber dann alles im Netz, was man so macht: Online-Banking, alle möglichen Accounts aufrufen, Passwörter eingeben. Da gibt es allerdings einen kleinen Haken, und der heißt „Bewegungssensor“. Der steckt in allen Mobilgeräten drin und ist sehr feinfühlig – so feinfühlig, dass er wirklich alle Bewegungen mitbekommt. Auch, wie man gerade die PIN für das Konto eingebt. Britische Forscher haben jetzt noch einmal auf ein altbekanntes Problem aufmerksam gemacht.

Böswillige Apps nämlich, die den Bewegungssensor abgreifen und übers Netz ausplaudern, gab es als „proof of concept“ oder vielleicht auch in freier Wildbahn schon länger – die muss man sich allerdings auch erst einmal gutgläubig und freiwillig installieren. Der viel heiklere Angriffsvektor, so Maryam Mehrnezhad von der Newcastle University, liegt in einem „drive-by“, einem schlichten Webseitenaufruf mit dem Mobilgerät. Dann wird nämlich auf einer „bösartigen“ Website oder bei einem „bösartigen“ Werbebanner JavaScript-Code ausgeführt, der den Bewegungssensor abfragt – im Unterschied etwa zum Geolokalisation-Tracking ohne das Einholen einer Genehmigung des Users.

 

Die Sensor-Abfrage ist in den W3C-Standards vorgesehen und ja auch als Feature für bestimmte Zwecke sinnvoll (Bewegungs-, Gesundheits- oder Schlaf-Tracker z.B. ) – tatsächlich haben Browser-Hersteller in Zusammenarbeit mit den Forschern auch schon nachgebessert: So wird mittlerweile die Sensordaten-Übermittlung geblockt, wenn die ursprünglich abfragende Webseite nicht mehr im Vordergrund angezeigt wird. Auch eine Reduzierung der Sensor-Samplingrate, der übermittelten Genauigkeit also, kann die Rekonstruktion von PIN- oder Passworteingaben erschweren oder unmöglich machen.

Und so merkwürdig das klingt – beim derzeitigen Stand könnte es sinnvoll sein. das Mobilgerät bei allen „heiklen“ Aktionen nicht in der Hand zu halten, sondern auf den Tisch zu legen. 🙂

P.S. – Für die sensible Plaudertasche an Bord gibt es ja auch sehr lehrreiche Anwendungen wie PhyPhox von der RWTH Aachen.

PIN-Klau per Bewegungssensor: Sensible Plaudertaschen · DRadio Wissen

DRadioWissen – Hielscher oder Haase vom 10.04.2017 (Moderation: Till Haase)

P.S. 15.04.2017 – Mein Kollege Manfred Kloiber hat das Thema auch heute in der Sendung Computer & Kommunikation noch einmal beleuchtet und ein Interview mit der Studienautorin geführt.

Journalist erklärt Farbverwirrung mit Bildschirm-Kalibrierung

Ich habe ja schon damals die Original-Aufregung um das weiß-goldene bzw. blau-schwarze Kleid (#dressgate) nicht so recht nachvollziehen können. Wahrscheinlich hatte ich aber an den entsprechenden Tagen keinen Netzreporter-Dienst, sonst hätte ich das Thema ja sicher behandelt, obwohl es nicht so recht radiophon ist 🙂 …

(Das Kleid der Herzogin von Cambridge ist eindeutig blau…)

Jetzt haben Forscher die „Farbverwirrung mit Schlafvorlieben“ erklärt, so lese ich bei meinen geschätzten Kollegen von Spiegel Online. Zuerst habe ich den Artikel auf meinem Desktop und dem angeschlossenen Samsung-Bildschirm zur Kenntnis genommen – und da sehe ich das Kleid in Hellblau (was man noch als Ergebnis eines Farbstiches mit sehr viel Fantasie in „Weiß“ uminterpretieren könnte…), und die Streifen in Gold.  Aber ganz ehrlich: Ich falle da schon in die Minderheitsgruppe und sage eigentlich „hellblau-gold“.

Auf meinem iPad Pro hingegen (zur Stunde noch nicht im Schlaf- bzw. Blauanteil-herausfilter-Modus; aber das ändert ulkigerweise gar nicht viel am Ergebnis…) sieht das Kleid eindeutig blau-schwarz aus. (Blaue Grundfarbe, schwarze Streifen…) Hier mal ein Foto, aufgenommen mit meinem iPhone – und das bringt zur weiteren Erheiterung noch wieder einen gewaltigen Gelbstich (jedenfalls im oberen Teil des Bildes, wo die fossile Glühbirne an meiner Zimmerdecke hineinstrahlt…) mit ins Spiel; aber den Unterschied sieht man trotzdem noch (vermute ich mal, wobei ich natürlich nicht weiß, mit welchem Gerät Sie diesen Artikel jetzt lesen 🙂  )

 

Ich schätze mal, 95% der ganzen #dressgate-Diskussion, die sich ja aufgrund einer Online-Rezeption des Fotos online abgespielt hat, geht auf das Konto Bildschirm-Kalibrierung. Den Forschern im zitierten Artikel ist das Problem grundsätzlich klar:

First, our data were logged online, which is inherently problematic; we do not know what screens or screen settings our participants used when they viewed the dress stimulus originally. However, this lack of controlled viewing conditions might be less troubling than usual in this particular case for several reasons. First, we tried to account for the divergent phenomenological experience of our participants when first encountering the dress—whatever the viewing conditions. This divergence is the key issue at hand that made this phenomenon interesting; it neither relies on nor is created by particular viewing conditions. Second, the fact that it is possible to find consistent and statistically reliable responses highlights the robustness of these effects; they do not rely on carefully controlled viewing conditions unlike so many effects in vision science that do. Indeed, Chetverikov and Ivanchei (2016) show that the percept of an individual is rather stable with no statistically reliable effect of image size or device type. Third, we conceptually replicate other findings by authors who did aim to control viewing conditions, e.g., Chebichevski and Ivanchei, so we are somewhat confident that the novel findings we report are also not artifactual.

Ich bin angesichts des Erscheinungsdatums jetzt nicht so sicher, ob die aktuelle Studie mit den Lerchen und Eulen ganz erst gemeint ist – auf jeden Fall: alle Bewertungen des Fotos „online“, also aufgrund individuell kalibrierter (oder eben nicht kalibrierter…) Bildschirme (auf Desktops, Handys oder Tablets…) kann man definitiv in der Pfeife rauchen oder ins Klo spülen oder in die Tonne kloppen. 🙂 Das Foto hier ist eindeutig blau-schwarz/gold – oder haben Sie etwa Tomaten auf den Augen (oder einen anders kalibrierten Monitor) ???

Die im SPON-Artikel verlinkten Erdbeer-Fotos sind allerdings nett; klarer Fall, der Background-Farbwert (und unsere normale Farberwartung…) spielt eine entscheidende Rolle…

Navi-Benutzung schaltet unser Gehirn ab – oder doch nicht?

In den Presse-Vorankündigungen hatte das auch erst einmal meine Aufmerksamkeit erregt: „Satnavs ’switch off‘ parts of the brain“ – so lautete die Schlagzeile bei Eurekalert. Und die Anführungszeichen, das wissen wir spätestens seit den Abhör-Vorwürfen von Donald Trump, die sind sehr wichtig 🙂 …Beim Blick auf das Abstract fand ich die Geschichte ganz nett, aber letztlich nicht so überraschend, als dass ich sie am nächsten Morgen thematisiert hätte. Insgesamt war die Presseresonanz aber ganz ausgezeichnet – und zwar, so kritisiert Dean Burnett vom Guardian, weil die Titelzeile schon reichlich „aufgesext“ und letztlich irreführend war.

This map shows the ‚degree centrality‘ of all the streets in central London. This reflects how many other streets are connected to each street, with blue representing simple streets with few connecting streets and red representing complex streets with many connecting streets. Credit: Joao Pinelo Silva

Zwar hatten die Forscher vom University College London explizit darauf hingewiesen, dass sich aus ihrem Navigations-Experiment im fMRI-„Hirnscanner“ keine Aussagen über irgendwelche Langzeitfolgen ableiten lassen würden – die Presse brachte dann aber doch „intuitiv“ naheliegende, aber falsche „Schlussfolgerungen“ wie: „Warum sich die Millenium-Generation immer verläuft“ oder „Navis lassen uns verdummen“ oder „Fahrer mit Navis erinnern sich nicht mehr an Straßen“. Aber wie Dean Burnett ja sehr schön als Beispiel anführt: Wenn ich keinen erhöhten Puls habe, bedeutet das noch nicht, dass mein Herz zu schlagen aufgehört hat oder „abgeschaltet“ ist – das Ausbleiben einer erhöhten Aktivität (und die ohnehin bekannten „Unschärfen“ bei allen Kernspintomograph-Hirnuntersuchungen haben wir da auch noch im Hinterkopf…) bedeutet nicht das „aktiv negative“ „Abschalten“ einer Funktion.

Ein vermeintlich sehr subtiler Unterschied, aber in Wahrheit ein eminent wichtiger.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 24.03.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

Sperma-Check mit dem Smartphone

Sprechen wir einmal über eine gar nicht so seltene Sache: Da ist ein Paar, die beiden wollen ein Kind bekommen. Sex haben sie auch regelmäßig und zum „eigentlich passenden“ Zeitpunkt – aber es klappt einfach nicht. Da kann die Psyche eine Rolle spielen; aber natürlich können auch ganz handfeste körperliche Gründe eine Schwangerschaft erschweren oder unmöglich machen. Im schlimmsten Fall lautet das Stichwort „Unfruchtbarkeit“ – entweder bei der Frau oder beim Mann. Wobei man da in manchen Konstellationen durchaus noch etwas machen kann…

Beim Mann ist ein wichtiger Faktor: Wie ist es denn eigentlich um seine Spermienqualität bestellt? Um das zu überprüfen, ist bislang meist ein Arzt- oder Krankenhausbesuch fällig; und der ist für viele mit einem gewissen Peinlichkeitsfaktor verbunden. Jetzt haben amerikanische Wissenschaftler einen Test für zuhause entwickelt. Der Test – von den Forschern, was die „Hardware“ betrifft, erst einmal als Prototyp im 3D-Druck-Verfahren erstellt – ist für die Anwender diskret, einfach und (voraussichtlich auch in der bald zu erwartenden Produktion…) billig. Die Diagnose ist aber offenbar so zuverlässig wie bei bislang bekannten Methoden.   

Wie bei anderen Selbst-Test-Kits auch: Eine Untersuchung und (hoffentlich…) fachlich abgesicherte Untersuchung bei einem Arzt oder in einer Klinik liefert noch weitergehende Aspekte oder Interpretationen. Aber der Smartphone-Sperma-Test ist mindestens besser als die Option, aus Scham oder Trägheit gar nichts zu unternehmen, wenn es mit dem Kinderwunsch nicht klappt. Übrigens (wie auch die Autoren anmerken..) – das Ganze macht natürlich auch anders herum Sinn: Der Test eignet sich auch dazu, die Wirksamkeit einer Sterilisation beim Mann zu überprüfen 🙂

Selbsttest: App zur Spermien-Analyse · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 23.03.2017 (Moderation: Diane Hielscher)

P.S. Auch beim Wissensgespräch haben wir das Thema heute noch einmal behandelt.

Künstliche Intelligenz „Libratus“ schlägt Pokerprofis

Poker: Das ist doch Zockerei, ein Glücksspiel. Von wegen – das denken nur Leute, die keine Ahnung haben. Oder die eine politische oder „moralische“ Agenda verfolgen, denn kurioserweise hat die Einstufung ja gravierende Konsequenzen: Auf der einen Seite sagen Rechtspolitiker oder Juristen: „Glücksspiel; also ist das nach den und den Gesetzen verboten“. Dann wären allerdings konsequenterweise auch erzielte Gewinne steuerfrei. Oder anders herum, wenn der Staat Kohle sehen will, dann sind Gewinne aus Pokerturnieren plötzlich doch wieder steuerpflichtig – dann ist Poker also ein Geschicklichkeitsspiel oder ein Denksport.

 

Und da kann man nur sagen – das letztere stimmt. Natürlich gibt es beim Poker eine Zufallskomponente, die gemischten und verteilten Karten. Aber über eine große Anzahl von Spielen, von gespielten Händen, wie man sagt – da ist das Können der Spieler entscheidend, da setzt sich der Meister gegen den Patzer, den „Fisch“ durch – und zwar todsicher, mit einer kalkulierbaren Marge. Genau das war also auch der Grund, warum das „Brain versus AI Poker tournament“ im Rivers Casino in Pittsburgh über 20 Tage und 120.000 gespielte Hände ging – um das Kartenglück zu neutralisieren und am Ende einen klaren Sieger zu haben, möglichst mit eindeutiger statistischer Signifikanz.

Ein weiterer Anti-Glückseffekt-Korrekturfaktor: Dong Kim, Jimmy Chou, Daniel McAulay und Jason Les traten ja „Heads up“, also jeder für sich allein gegen die „Künstliche Intelligenz“ Libratus an – und da bekamen jeweils zwei Menschen genau die Karten gegen den Computer, die der Computer gegen die beiden anderen Menschen spielen musste. Am Ende war das Resultat völlig klaralle Profis waren geschlagen; die Überlegenheit war nicht nur statistisch signifikant, sondern überwältigend – eindeutig eine „super human performance“, wie es Programmierer Tuomas Sandholm ausdrückt.

The Brains vs Artificial Intelligence competition at the Rivers Casino in Pittsburgh. Photograph: Carnegie Mellon University

Fast schon überraschenderweise nutzt Libratus keine neuronalen Netze – Sandholm missfällt nämlich, dass es beim „Deep Learning“ keine Garantien für die Güte einer Problemlösung gibt, keine Garantien dafür, dass bei einer leichten Modifikation des Problems (hier also der Spielweise der Poker-Gegner…) immer noch ein gutes Ergebnis erzielt wird, keine Garantien dafür, dass nicht irgendwo in der „Black Box“ der neuronalen KI der Faktor Zufall sein Unwesen treibt. Die verbesserten Algorithmen, die in Libratus zum Einsatz kommen, konvergieren hingegen mathematisch nachweisbar zum spieltheoretischen Optimum, dem Nash-Equilibrium; und das sogar mit einem klar benennbaren Gütefaktor.

Das ist zumindest ein bemerkenswerter Ansatz – für Sandholm ist nämlich Poker und Libratus nur ein „proof of concept“, ein „Showcase“. Und auch in der „realen Welt“ lassen sich viele vermeintlich komplexere Konstellationen auf die „Heads up“-Pokersituation „Spiel mit zwei nicht-kooperativen Gegnern und nicht vollständiger Information“ eindampfen:

A lot of real world situations are two player, like most military settings are two player games. Cyber security is typically a two player setting – and by player I mean that there can be multiple hackers, but conceptually it’s like „hacker versus defenders“; so it is a two player setting even if there are multiple hackers, maybe even multiple defenders.

Libratus lief während des Matches auf einem Supercomputer – noch steht also die Rechen- und Spielpower nicht für „jedermann“ zur Verfügung. Trotzdem ist es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis das Online-Pokerspielen um Geld sinnlos bzw. hoffnungslos wird – auch jetzt sind ja Bots schon ein ernstes Problem. Stephan Kalhamer, Diplom-Mathematiker, ehemaliger Poker-Profi und Präsident des „Deutschen Poker Sportbunds“ weist darauf hin, dass die Komplexität am „vollbesetzten“ Pokertisch, also vor dem Eintreten der „Heads up“-Situation, ja noch einmal deutlich komplizierter ist.

In der Tat haben Libratus bzw. sein Schöpfer Tuomas Sandholm dafür noch gar kein Konzept.

We are not really working on multi player, because it’s not even clear what you would want to compute there. One option would have to say, it’s okay, you want to compute a Nash equilibrium strategy. But in multi player games that is not safe. So it’s not clear that you would even want that, even if you had an oracle for immediately computing one. So it’s more a conceptual problem, or what the goal even is in those games. And while in two player settings – two players who are in some games like „Heads up Poker“, there it’s very clear that Nash equilibrium is safe.

Abgezockt vom Computer – Künstliche Intelligenz schlägt Pokerprofis

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 09.02.2017 (Moderation: Ralf Krauter)

…zum gleichen Thema der Artikel bei Spiegel Online:

Poker Mensch gegen Maschine: Libratus, der Gangster – SPIEGEL ONLINE

Spiegel Online – Netzwelt vom 08.02.2017

 

…und das Gespräch bei DRadio Wissen am 20.01. – da war das Match „Mensch gegen Maschine“ noch nicht entschieden…

DRadio Wissen – Grünstreifen vom 20.01.2017 (Moderation: Dominik Schottner)