Wikileaks veröffentlicht 300.000 Mails der türkischen Regierungspartei AKP

Theoretisch könnte Wikileaks mit seiner jüngsten Aktion Weltgeschichte schreiben. Wenn man nämlich in den 294548 Mails irgendwo Hinweise darauf finden würde, dass der gescheiterte Militärputsch in Wahrheit eine Inszenierung von Präsident Erdogan war. Oder dass ihm zumindest die Pläne vorab bekannt waren und er die Verschwörer ins Messer laufen ließ, um nun durchzuregieren. Aber die Chance für eine solche Sensation geht gegen Null. Denn der gehackte oder geleakte Account war, wie die Enthüllungsplattform ja auch schreibt, der für die Außenkommunikation – nicht etwa ein interner Kommunikationskanal für möglicherweise vertrauliche oder heikle Angelegenheiten der Partei.

 

Dass da also irgendjemand nach außen herumposaunt hat “so machen wir das mit der Verschwörung”, ist so gut wie ausgeschlossen – dass die Mails “irgendwie” interessant sein könnten, davon kann man hingegen ausgehen. Interessant wäre es ja allerdings auch irgendwie, die Mails von CDU und SPD zu lesen, oder die Post von Oma Kruppke aus der Parkallee 🙂 . Wie immer bei Wikileaks-Veröffentlichungen stellt sich die Frage nach der Legitimität – die jedesmal nur darin bestehen kann, dass man abwägt und das Interesse der Öffentlichkeit höher einschätzt als das Recht auf Vertraulichkeit bzw. als die negativen Folgen für die Betroffenen. Das war schon bei den “Botschafts-Depeschen” zweifelhaft.

Bis türkischsprachige Journalisten das Material gesichtet und ausgewertet haben, dürften noch ein paar Tage ins Land gehen – und in der Türkei selbst dürfte diese Sichtung bzw. eine Publikation der Ergebnisse zur Zeit eher nicht stattfinden. Wer in diesen Tagen dort Internetblockaden (der Zugang zu Wikileaks ist momentan gesperrt) umgeht und das bekannt werden lässt, bringt sich möglicherweise in Lebensgefahr. Und in den türkischen Redaktionen im Ausland hat die aktuelle Berichterstattung über Erdogans Antwort-Maßnahmen nach dem Putsch Priorität.

Eine erste Einschätzung aber gibt es aber inzwischen auch von türkischen Kollegen und Kolleginnen – das geleakte Material scheint ziemlich banal zu sein. Offenbar sind die Hälfte der Mails lediglich Bounce-Messages, und überwiegend scheint es sich wohl auch um Nachrichten von Außenstehenden an AKP-Politiker zu handeln und nicht umgekehrt. Immerhin: Wer nach dem berühmten “Böhmermann-Gedicht” sucht, wird fündig 🙂 .

DRadio Wissen · Türkei: 300.000 Mails der AKP geleakt

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 20.07.2016 (Moderation: Diane Hielscher)

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