Wikileaks-AKP-Email-Leak: Seltsame Tweets, bislang keine Sensationen

Auch einen Tag nach der Veröffentlichung des „ersten Teils“ von Mails der türkischen Regierungspartei AKP zeichnet sich nicht ab, dass Wikileaks mit der jüngsten Aktion Weltgeschichte schreiben wird. Im Gegenteil – ganz offenbar machen sich viele Türken, die das Material gesichtet haben, auf Twitter über die Belanglosigkeit lustig. Motherboard.vice.com hat den Stand der Dinge erst einmal zusammengefasst: „Das Saftigste, was der AKP-Leak bisher enthüllt hat, ist diese Grießspeise“. Und stellt erneut zu Recht die Frage, ob die Verletzung der Privatsphäre hier eigentlich in Verhältnismäßigkeit zum Erkenntnisgewinn steht.

Bei Wikileaks hatte man die Veröffentlichung ja wegen des Putsches in der Türkei vorgezogen – das mag eine kleine Entschuldigung sein dafür, dass man selbst offenbar nichts strukturiertes zum Inhalt des Materials vorzutragen hat. Zumindest die für den Twitter-Account von Wikileaks Verantwortlichen scheinen jedenfalls keine übermäßige journalistische Kompetenz zu haben – warum man eine selbst mit Google Translate als völlig unseriös identifizierbare Quelle wie „Yeni Safak“ über die angebliche Planung des Putsches durch die USA retweetet, ist ein Rätsel.

Und ein ziemlicher Hammer ist dieser Tweet hier:

Der angebliche Beleg für die Relevanz des AKP-Leaks verweist auf die Website thecanary.co; in dem dortigen Artikel wird über ein Treffen des türkischen Innenministers mit dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, Masoud Barzani referiert. Eine Suche nach dieser Passage im AKP-Material bleibt aber ohne Treffer – kein Wunder, denn die „hacked mail, courtesy of Wikileaks“ stammt aus den Cables-Leaks und aus dem Jahr 2010. Keine Spur von einem (neueren) „geheimen Treffen“ also, keine Spur von einem Bezug auf die aktuelle Situation und auf den neuen Leak – das grenzt stark an Desinformation. In den Reaktionen auf den Tweet gibt es diverse entsprechende Bemerkungen – mittlerweile auch von mir – aber natürlich wird so etwas erst einmal ungeprüft retweeted und geliked.

Ich nehme einmal zugunsten von Wikileaks an, dass die Fehlleistungen auf Schlampigkeit beruhen („oh, da kommt ein Hashtag Wikileaks rein, da hat jemand was gefunden in unserem Material, das hauen wir sofort raus“…) und nicht etwas bewusst in die Irre führen sollen.

Mittlerweile steht das geleakte Material übrigens auch bei Archive.org zur Verfügung, die Website von Wikileaks hingegen wurde heute zeitweise von Mozilla als mit Schadsoftware verseucht gemeldet.

DRadio Wissen – Hielscher oder Haase vom 21.07.2016 (Moderation: Diane Hielscher)

 

Und Tusch – wie schon gestern aufgrund der Wikileaks-Formulierung zur Quelle des Materials gemutmaßt – es war wahrscheinlich ein Hack eines renommierten Hackers 🙂 (der selbstverständlich eine nur allzu bekannte Maske trägt 🙂 …)

 

P.S. 22.07.2016:  Wikileaks hat eingestanden, einen Fehler gemacht zu haben:

Ich denke allerdings, da hat hat nicht „someone“ etwas falsch zitiert, sondern die Fehlinterpretation geht auf die Kappe von Wikileaks – bei thecanary.co stand an der Stelle nur „Mail“, nicht AKP-Mail (siehe Screenshots). Mittlerweile hat die Website ihren Text dort auch geändert, jetzt heißt es (zutreffend…) zur Herkunft der Passage, es sei „an extract from a cable, courtesy of Wikileaks“.

P.S. 2 Beim Hochladen auf Archive.org hat es auch noch eine fette Datenschutzpanne gegeben. Das sind halt die Transparenz-Kollateralschäden.

P.S. 3 Edward Snowden hat sich von der „alles raushauen, Kollateralschäden egal“-Mentalität von Wikileaks distanziert. Volle Zustimmung.

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