Über die Impf-Bedenken von Joshua Kimmich, missverstandene Langzeitfolgen und die ganz sicheren Faktenchecker und Experten

Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich hat sich bislang nicht impfen lassen, er hat „persönlich noch ein paar Bedenken, gerade, was fehlende Langzeitstudien angeht“. Er ist kein ideologischer Impfgegner und kein apodiktischer „Corona-Leugner“ :), sondern hat einfach das getan, was jeder vernünftige Mensch machen sollte und machen dürfen sollte: Selbst, für sich ganz persönlich das Kosten-Nutzen-Risikoprofil eines Eingriffs in die körperliche Unversehrtheit abwägen und einschätzen.

Dazu muss man erst einmal feststellen – Herr Kimmich ist jung und extrem fit. Er hat also ein statistisch nachweislich extrem geringes Risiko, dass ihn persönlich eine Corona-Infektion signifikant in Gefahr bringen könnte. Es gibt da als breit diskutierten Risikofaktor die „Long-Covid-Theorie“ – und ich nenne das mal ganz bewusst „Theorie“, weil hier wirklich noch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse vorliegen, ob hier tatsächlich ein neues, genuin vom „neuartigen“ Coronavirus verursachtes Krankheitsbild vorliegt.

Oder ob die geschilderten Symptome – die ja aufgrund ihrer unspezifischer Einzelbestandteile das ganze Spektrum von Psychosomatik über auch bislang schon bekannte mittelfristige Reaktionen auf Viruserkrankungen bis hin zur einer möglichen Aktivierung des endemischen Epstein-Barr-Virus reichen – tatsächlich signifikant über den – bislang eben nie quantifizierten Mittel- oder Langzeitfolgen von anderen Viruserkrankungen – Grippe z.B. liegen, das alles ist meines Wissens bislang nicht erforscht.

Das „Long-Covid-Risiko“ kann man also in seine persönliche Risikobewertung mit einbeziehen – aber das als dramatischen Faktor zu bewerten, werden eher ängstliche Naturen tun – die anderen werden sich sagen „Sars-Cov-2 ist halt eine neue Variante im Spektrum von Coronaviren – die Wahrscheinlichkeit, dass hier eine ganz aus der Reihe fallende Langzeitfolgen 🙂 – Gefährlichkeit vorliegt, ist relativ gering. (Aber natürlich möglich… 🙂 )

Embed from Getty Images

Neben der Risikobewertung für sich persönlich kommen natürlich noch zig weitere Faktoren dazu. z.B. die Risikobewertung für die Personen, mit denen man Kontakt hat. Wenn man selbst jung und fit ist, aber mit alten oder vorerkrankten Menschen zu tun hat – mit Eltern, Freunden oder natürlich auch mit Patienten oder Pflegebedürftigen – da ist ja völlig selbstverständlich, dass man deren sehr viel höheres Risiko mit einbeziehen muss in seine eigene Kalkulation.

Darüber hinaus gibt es möglicherweise noch eine gesellschaftliche Dimension – dass ich also in meine Risikobewertung nicht nur die Personen einbeziehe, die ich kenne und mit denen ich de facto regelmäßig Kontakt habe, sondern auch mir unbekannte Zufallsbegegnungen, die ich gar nicht registriere – das wäre also das gesellschaftliche Solidaritätsprinzip. Dass ich mich impfen lasse, obwohl ich das in einer rein individuellen Betrachtung nicht für notwendig halten würde. Und dann kommen auch noch Erwägungen wie eine eventuell exponierte eigene Rolle in der Gesellschaft hinzu – als Fußball-Nationalspieler etwa.

Und natürlich auch noch politische und gesellschaftliche Druck-Faktoren – das Leben als Nicht-Geimpfte(r) ist ja mittlerweile kaum noch durchhaltbar. Psychisch und finanziell. Ok – da hilft vielleicht das Dasein als Fußballprofi – ein normaler Mensch kann sich tägliche kostenpflichtige Tests ja schon gar nicht mehr leisten.

Kommen wir doch aber mal zu den „paar Bedenken“ von Joshua Kimmich und ein paar hunderttausenden oder Millionen anderer Bürgerinnen und Bürger. Er sorgt sich um „fehlende Langzeitstudien“ und also um eventuelle „Langzeitfolgen“. Und erfährt nun aus den Reaktionen von Experten und Medien-Faktencheckern, dass diese Bedenken ein „Missverständnis“ sind. Zu einem großen Teil stimmt das sicherlich auch. Es stimmt – aufgrund der quasi weltweiten massiven Anwendungen der neuen Impfstoffe sind die seltenen Nebenwirkungen „wie Sinusvenenthrombosen und Myokarditis“ bereits sehr schnell identifiziert. Insofern ist also die Studienlage tatsächlich besser als bei irgendwelchen Impfstoff-Neueinführungen in der Vergangenheit.

Tagesschau.de zitiert den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (STIKO), Thomas Mertens: „Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahres-Beobachtungsstudien geben kann, ist klar.“ Das gelte aber nicht nur für jeden anderen Impfstoff auch, der neu angewendet werde, sondern auch für jedes neue Medikament. Stimmt – nur ein neues Medikament oder auch ein neuer Impfstoff wird – bislang jedenfalls nicht – quasi auf die gesamte Bevölkerung angewendet – egal, ob deren persönliches Risiko in Bezug auf die durch die Anwendung (hoffentlich…) verhinderten Konsequenzen im äußerst niedrigprozentigem Bereich liegt.

Kommen wir doch mal zu den „Bedenken“ von Herrn Kimmich und hunderttausenden oder Millionen anderer Bürgerinnen und Bürger: „Generell sei es bei Impfstoffen so, ‚dass die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden oder Tage auftreten, in seltenen Fällen auch mal nach Wochen‘. Nebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, seien ‚bei Impfstoffen nicht bekannt‘, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts.“ Sehr schön.

mRNA-Impfstoffe waren allerdings bislang auch nicht bekannt. Das Ganze ist ein völlig neues Wirkprinzip. Und zwar ein geniales, wie ich persönlich finde. Ich persönlich sehe in dem Konzept der mRNA-Impfstoffe praktisch kein Risiko, sondern ein gewaltiges Potential auch in der Bekämpfung anderer Krankheiten bis hin zu Krebs – wer sich einmal von der „Genialität“ des Konzeptes überzeugen will, sollte den m.E. wirklich sehr gut erkärten Artikel zum Funktionsprinzip des Impfstoffes bei heise.de lesen. Das ist alles wirklich sehr durchdacht.

Aber heißt das, das es wirklich „kein Risiko“ gibt? Natürlich nicht. Wir hatten im DLF 2020 einen Beitrag bzw.  Interview zur Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen und mussten da schon präzisieren, dass ein „Übergang von Viren-mRNA in menschliche DNA nach bisherigem Erkenntnisstand praktisch ausgeschlossen“ ist. Es existiert aber grundsätzlich ein Mechanismus, nach dem das theoretisch möglich wäre. Auch bei der Frage nach einer möglichen kanzerogenen Wirkung des Impfstoffes war der Experte damals „neutral“.

Und damit kommen wir jetzt mal zu der Einordnung der von Joshua Kimmich befürchteten Risiken und deren Bewertung durch Experten und „Faktenchecker“: Wenn es irgendeinen Übergangsmechanismus von mRNA in DNA geben sollte (und bei Vektorimpstoffen auf der Basis von Adenoviren wie Astra-Zeneca ist die Frage nach möglichen unerwünschten Effekten im Zellkern ja noch einmal dringlicher…) – dann wäre natürlich absolut nicht gesagt, dass da etwaige „Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden oder Tage auftreten“. Im allerschlimmsten Fall würden sich Veränderungen im Erbgut ergeben, die sich dann eben erst beim Nachwuchs zeigen würden. Oder z.B. in einer geringen Fruchtbarkeit, die sich ja auch erst nach ein paar Jahren signifikant zeigen würde. (Und genau das sind ja offenbar Befürchtungen bei einem gewissen Teil der Bevölkerung…)

Auch kanzerogene Wirkungen eines neuen Impfstoffes – sei es durch den Impfstoff oder das neuartige Impfstoff-Prinzip selber, sei es durch die Zubereitung oder eventuelle Verunreinigungen – würden sich u.U. erst nach zig Jahren zeigen. Von daher: diese Erwiderung oder dieses Narrativ – wenn sich da jetzt nicht sofort etwas als Nebenwirkung zeigt, dann gibt es das auch nicht; hat es nie gegeben, wird es nie geben – die stimmt schon mal rein methodisch so nicht. Mal als Disclaimer: Ich selbst halte auch eine solche theoretisch mögliche Nebenwirkung und dann eben auch Langzeitfolgen zumindest bei mRNA-Impfstoffen für absolut unwahrscheinlich – da spricht vom Code-Wirkprinzip praktisch nichts für.

Es spricht allerdings auch praktisch nichts dafür, dass Joshua Kimmich persönlich irgendwelche signifikanten Probleme aufgrund einer eventuellen Corona-Infektion bekommen würde. Insofern halte ich also seine Bedenken und sein Zögern für legitim – und innerhalb der von mir ja schon mal öfter erwähnten Schwelle des legitimen persönlichen Risiko-Eingehens liegend. Erstmal nicht impfen lassen, keinen Sport treiben, rauchen, trinken, kitesurfen, Junkfood essen – das sind individuelle eingegangene Risiken, die die Gesamtgesellschaft in einer gesellschaftlichen Solidarität zu tragen bereit sein müsste.

Wenn das nicht mehr Konsens ist – dann haben wir eine (auch noch ulkigerweise selbst generierte…) Diktatur. Die natürlich auch den noch jetzt so selbstgewiss „auf der richtigen Seite“ stehenden um die Ohren fliegen wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.