Rassismus-Vorwürfe gegen Kunst-App

Es war nur ein kleines Update  – aber das hat dafür gesorgt, dass letzte Woche in den USA die „Arts and Culture“-App von Google plötzlich ganz oben in den Download-Charts war. Mit der kann man die Museumsbestände aus aller Welt durchstöbern, rund 1 Millionen Kunstwerke, Fotografien und sonstige Objekte, die Google digitalisiert hat. Und als kleinen Stöber-Anreiz gab es nun in der App eine neue Funktion: Man lädt ein Selfie von sich hoch, und bekommt dann per Gesichtserkennung ein Portrait angezeigt, einen Gemäldeausschnitt mit einer Person, die einem ähnlich sieht. An sich also eine lustige Sache – bei den Usern kam das gut an.

Bei den weißen Usern 🙁 . Denn schnell stellte sich heraus: Der Selfie-Ähnlichkeitscheck bringt jede Menge gute, manchmal wirklich frappierend ähnliche Ergebnisse – wenn man weiß ist. Bei Schwarzen, Asiaten oder Latinos, bei „People of Color“ also, ist offenbar der Pool an „passenden“ Bildern sehr viel geringer. Damit sind auch “richtig gute” Ähnlichkeiten viel seltener; und was noch schlechter ankam: Die zurückgelieferten Portraits zeigen überproportional oft Personen, die unterwürfig, exotisiert oder im Fall von Frauen sexualisiert dargestellt sind.

Ist die “Arts and Culture” also rassistisch? Google; peinlich berührt, hat natürlich sofort auf diese Vorwürfe reagiert: Nein – die App zeige halt das, was in führenden Museen vorhanden sei; und das wiederum reflektiere selbstverständlich die Verhältnisse der jeweiligen Epochen.

Historische Kunstwerke bilden die Diversität der Welt oft nicht ab. Wir bemühen uns sehr, mehr Kunstwerke online zu bringen, die diese Diversität zeigen.

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Über den Komplex “Kunst” contra “Political Correctness” (bzw. “neue Empfindsamkeit” von angehuschten, angeblich verunsicherten Nachwuchs-Menschlein 🙂 …)  kann man ja endlos diskutieren. Shakespeare ist total verstörend und uncorrect. Die kleinen Penisse an den Statuen von Michelangelo eigentlich auch. Die Nymphen in englischen Gemälden auch. Ok, ok. “Kunst” hat immer auch schon gewisse andere Bedürfnisse befriedigt, bevor das Internet der Menschheit die universelle Porno-Verfügbarkeit geschenkt hat 🙂 …  Ok, ok – es gibt natürlich auch noch so latent echt etwas “schwierige” Künstler wie Balthus.

Das klassische Porträt, der weibliche Akt, vorwiegend exerziert an adoleszierenden jungen Mädchen.

Genau. Der weibliche Akt. Exerziert. An “adoleszierenden” (=minderjährigen…) jungen Mädchen. Da weiß ich jetzt auch nicht mehr so recht. Auf jeden Fall: Die eigenen moralischen Parameter sind halt zeitbedingt. Vielleicht besser als bei früheren Generationen. Vielleicht auch nicht.

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 22.01.2018 (Moderation: Thilo Jahn)

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