Neue Geigen sind besser als alte? So einfach ist die Sache nicht.

Wenn man die Veröffentlichungen von Claudia Fritz, Akustikerin am Nationalen Forschungszentrum CNRS in Paris, mitverfolgt – oder vielmehr die Schlagzeilen, die dann in der medialen Abbildung der “Blind-Spiel- oder Hörtests” geschrieben werden, dann ist die Diagnose eindeutig. Das Geheimnis der Stradivaris: gibt es gar nicht. Weder für die Spieler selbst, noch für die Hörer. Der Nimbus der alten Instrumente, die hohen Preise für die wenigen am Markt verfügbaren Exemplare aus der Glanzzeit Cremonas: ein Marketing-Gag und Abzockerei. Das ganze Suchen, Testen, Eintauschen und Sich-Hocharbeiten von Instrument zu Instrument bei zehntausenden von Profi-Musikern: alles Selbsttäuschung und Akustik-Voodoo.

 

Als Musiker sage ich einfach einmal: Das glaube ich nicht. Als Sänger sage ich einfach mal: Das für den Laien potentiell nach Voodoo klingende psycho-akustische Phänomen der “Tragfähigkeit”, dass eine Stimme oder auch eine Geige beim Musiker selbst, am Mund oder am Kinn laut klingen kann und dann aber nur bis zur vierten Reihe im Saal reicht, das ist Realität. Anders herum funktioniert das genauso – eine an sich “kleine Stimme”, die aber “über das Orchester kommt” und letztendlich die vermeintliche Super-Wuchtbrummen-Kollegin “plattmacht” – auch das ist Realität und völliger “Common Sense” bei allen Experten und im Musikgeschäft an Opern oder bei Orchestern Beteiligten – und nach dem Kriterium werden halt u.a. Stellen besetzt.

Die “Tragfähigkeit” hat etwas mit Formanten zu tun, die – so sagt das auch Claudia Fritz – bei Stimmen und Blasinstrumenten noch etwas anders funktionieren als bei Geigen; und sich bei Geigen im Vergleich zu Stimmen oder Blasinstrumenten auch schlechter identifizieren oder quantifizieren lassen. Claudia Fritz ist auch mit der Bewertung ihrer Experimente im Gespräch sehr viel zurückhaltender als die Schlagzeilen in der Presse suggerieren – strenggenommen haben die Versuche aus allen drei Veröffentlichungen nämlich nur eine sehr, sehr begrenzte Aussagekraft:

Die Ergebnisse gelten nur für die jeweiligen Instrumente, die jeweiligen Räume und die jeweiligen Spieler. Das Argument von mit alten Instrumenten vertrauten Geigern, dass eben auch eine einstündige Beschäftigung mit einem unbekannten Instrument nicht ausreicht, dessen akustische Finessen zu ergründen bzw. mit dem eigenen Spiel-Stil in Übereinkunft zu bringen, ist unbedingt ernstzunehmen. Zu den – im Beitrag erwähnten – individuellen Spieltechniken kommen auch noch regionale Vorlieben dazu: In Amerika werden die Instrumente vorzugsweise “härter”, mit einem brillanteren Ton eingestellt (z.B. über die Stimmstock-Position oder die Besaitung…) In Europa sieht man das anders. Wie der Klang “sein soll”, hängt auch vom gespielten Repertoire oder der Situation ab – Solokonzert oder Streichquartett?

Fazit: Wenn die Experimente von Claudia Fritz und ihren Kollegen dazu beitragen, dass sich Musiker und Geigenbauer vorurteilslos darüber klar werden, was sie eigentlich wollen, dann ist das natürlich zu begrüßen. Und eigentlich alle befragten Geiger sagen: Natürlich gibt es auch ausgezeichnete moderne Instrumente, die möglicherweise auch nach einer gewissen Zeit vollkommen an die alten heranreichen. Aber ein Satz wie “Stradivari-Geigen halten dem Vergleich mit modernen Violinen nicht stand” – sorry, liebe Kollegen – ist einfach nur Bullshit von Ahnungslosen.

Quelle: Akustik – Zuhörer bevorzugen den Klang moderner Geigen

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 16.05.2017 (Moderation: Uli Blumenthal)

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