Ein Monat Faktenfinder bei der Tagesschau. Bitte unbedingt weitermachen.

Seit dem 3. April gibt es das „Faktenfinder“-Team bei der Tagesschau-Redaktion; Chefredakteur Kai Gniffke zieht einmal eine erste Bilanz. Und in der finden sich ja ein paar bemerkenswerte Sätze:

Nahezu jede Geschichte der Faktenfinder landet unter den Top Ten der am meisten aufgerufenen Inhalte auf tagesschau.de. Es erscheint fast zu banal, um wahr zu sein: Gib einem Redaktionsteam die Zeit und den Raum für gründliche Recherche, und du erntest verdammt guten Journalismus.

Ja. Stimmt.

Ist meine Rede seit wer-weiß-wie-viel-Jahren, aber als kleiner Unter-Indianer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist meine Rede ja auch weitgehend völlig egal für die Entscheidungsträger in den Anstalten. Aber trotzdem (und trotz eventueller Zweifel an den Faktenfindern… – die Perspektive sollte da übrigens nicht nur 100%ig, sondern 300%ig neutral sein 🙂 ): Ja. Wir bekommen eine Menge Kohle über die Rundfunkgebühren den Rundfunkbeitrag, und das ist bei „den Menschen da draußen im Lande“ gar nicht so unumstritten/akzeptiert/beliebt, als dass es uns in diesem Sektor arbeitenden Leute ruhig schlafen lassen könnte. Jeder Artikel über GEZ/Rundfunkgebühren/Rundfunkbeitrag bekommt fünfzig- bis hundertmal soviel Kommentare wie ein Artikel von ÖR-Sendern. Ok – auch die ÖR-Hasser sind nicht repräsentativ 🙂 …

Aber ganz klar: Unsere Aufgabe in den öffentlich-rechtlichen Sendern ist, Qualitätsjournalismus zu liefern. Das ist unsere Agenda und Kompetenz – ich kenne auch niemanden unter den Kolleginnen und Kollegen, der oder die das fahrlässig anders machen würde oder wollte. Das Gequatsche von Verschwörungstheoretikern oder irgendwie ideologisch Angehauchten, wir würden auf Befehl von Angela Merkel, der Weisen von Zion oder Fethullah Gülen irgendwelche Nachrichten oder Kommentare lancieren oder abändern, ist totaler Bullshit.

Was vielleicht kein Bullshit ist: Wieso hauen wir Millionen raus für Sportübertragungen (und Vermögenstransfers an ohnehin nicht finanziell unterbemittelte Akteure…)? Sind Einschaltquoten bzw. die (messbare, aber fragwürdig messbare…) Popularität das richtige Kriterium für unser Engagement? Nehmen wir mal die von Kai Gniffke erwähnten Zahlen: Vier Schichten pro Tag für die Faktenfinder – wenn die Kolleginnen und Kollegen einigermaßen gut bezahlt werden, macht das 400,- x 4 x 5 Tage x 52 Wochen im Jahr: 416.000 Euro. Je nach Beschäftigungsstatus plus Sozialabgaben.

Das sind – mit Verlaub – Peanuts. Ich frage mich, warum nicht jede ARD-Anstalt ein Recherche-Team (mindestens!!!) in der Größenordnung unterhält/finanziert – eben wohlgemerkt ohne den Druck, jeden Tag einen Beitrag „liefern“ zu müssen. Wenn man die Aktivitäten ARD-weit koordinieren würde, wäre das natürlich auch noch einmal extra-hilfreich. Zwei- oder dreimal die gleiche Enthüllungs-Story oder den gleichen Faktencheck braucht natürlich niemand. Aber den fünfzigsten Bericht zu Bayern gegen Dortmund auch nicht.

Insofern mal – die Entscheidung steht jetzt schon fest sollte an sich schon jetzt feststehen:

Ende des (Wahl-) Jahres wollen wir bilanzieren, ob sich die Faktenfinder bewährt haben oder ob wir mit Kanonen auf Spatzen geschossen haben.

Die „Faktenfinder“ haben sich schon jetzt bewährt – und das ist auch eigentlich die Begründung, warum es uns privilegiert honorierte ÖR-Journalistinnen und -Journalisten gibt oder geben sollte:  „gründliche Recherche“ ohne Bullshit-Zeitdruck durch Popularitäts- oder Einschalt- /Klicksüchtige Entscheidungsträger.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ein Unter-Indianer. 🙂

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