Bundesinnenministerium verbietet linksunten.indymedia.org

Ich muss ja zugeben: Mir selbst sind Linksradikale irgendwie einen deutlichen Tick lieber als Rechtsradikale. Bei den Linken schwebt wenigstens noch eine grundsätzlich sympathische und humane Utopie im Hintergrund: Gerechtigkeit für die Unterdrückten und Ausgebeuteten, Freiheit und bedingungsloses Grundeinkommen für alle 🙂 , wirtschaftlicher „Erfolg“, Abzocke und abgezockte oder geerbte Kohle dürfen keine Legitimation für politische Macht sein usw. usw. Wie heißt es doch so schön: „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ Weil die Utopie halt nicht praxistauglich ist.

Rechtsradikale oder Nationalisten hingegen sind einfach nur bescheuert – wie man auf die Zugehörigkeit zu einer „Nation“ oder einer „Rasse“ „stolz“ sein kann, entzieht sich meinem Verständnis. Die eventuellen hochgejubelten Leistungen oder Verdienste haben ja irgendwelche Individuen erbracht, übrigens auch meist einfach so, ohne irgendeine Verbindung zur „Nation“ oder „Rasse“ – und natürlich kann kein kurzgeschorener Neo-Nazi die kulturelle Leistung von Goethe und Schiller für sich reklamieren; was der Ku-Kux-Klan oder auch türkische Nationalisten oder salafistische Attentäter für sich reklamieren wollen, erschließt sich mir auch nicht: Ein kriminelles Arschloch und ein ungebildeter Versager bleibt halt ein kriminelles Arschloch oder ein ungebildeter Versager. Egal was da Imame, Aufhetzer oder letztlich sogar US-amerikanische oder türkische Präsidenten schwafeln …

Aber mal ganz klar – weil ja nach den G20-Krawallen in Hamburg der Vorwurf einer einseitigen Wahrnehmung in Richtung „Systempresse“ geäußert worden ist: Letztlich sind Rechtsradikale und Linksradikale Idioten und Bewohner einer Parallelwelt, die mit der Wahrnehmung der einigermaßen normal tickenden normalen Bevölkerung nichts zu tun haben. (Und nein – wir wollen auch nicht von euch Idioten/Exoten aufgeweckt/bekehrt/zwangsbekehrt werden… „Warnung: Auf der Autobahn A3 kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen. ‚Wieso einer? Hunderte!'“) Nee, ihr seid die Geisterfahrer! Also von daher – ich habe die Bullenschweine-Feinde von linksunten.indymedia.org bislang immer eher als nicht ganz zurechnungsfähige, irgendwie links-folkloristisch Verwirrte aufgefasst.

 

Wenn das Bundesinnenministerium die Plattform jetzt verbietet (anscheinend gibt es ja mit der Durchsetzung noch einige Probleme 🙂 ), habe ich dafür ehrlich gesagt weitgehendes Verständnis. Wieso sollten wir Neo-Nazi- und Salafisten-Seiten aus dem Netz kicken und von amerikanischen Mainstream-Akteuren wie Twitter und Facebook die Einhaltung europäischer und deutscher Gesetze fordern – und von einer „autonomen“ linksextremistischen Seite nicht?

Netzwerk von radikalen Linken offline: Verbot von linksunten.indymedia.org · Deutschlandfunk Nova

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 25.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

 

P.S. Die letzten Mohikaner von linksunten.indymedia.org haben eine Botschaft voller Cyberspace-Neo-Poesie und rätselhafter Bildsymbolik auf ihre Seite gestellt. Und wem der Text in all seinem geradezu rührenden Gestus irgendwie schon wieder reichlich von gestern vorkommt, hat recht – mittlerweile trampeln Mainstream-Politiker ungeniert durchs Neuland einher. Übrigens – sich für irgendwie exterritorial zu erklären, garantiert auch noch nicht, dass man nicht einen an der Klatsche hat – siehe „Reichsbürger“…

Videoüberwachungsprojekt Berlin: Golem.de wirft digitalcourage Fehler vor

Das Testprojekt zur automatischen Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz ist ohnehin umstritten – und Anfang der Woche kam noch mal zusätzliche Aufregung in die Sache: Die rund 300 freiwilligen Teilnehmer, so der Vorwurf der Aktivisten vom Verein Digitalcourage, hätten statt eines passiven RFID-Transponders einen aktiv sendenden Blutooth-Beacon untergeschoben bekommen, der rund um die Uhr Daten sammele, die weit über den eigentlichen Zweck des Transponders hinausgingen. Der Test sei also umgehend abzubrechen – eine Forderung, der sich sogar die Bundesdatenschutzbeauftragte Andrea Voßhoff anschloss.

 

Bundesinnenminister Thomas de Maziere konterte kühl, die vorgebrachten Bedenken beruhten auf „fehlerhaften Informationen“ – und wie es aussieht, hat er damit Recht. Alexander Merz und Friedhelm Greis vom IT-Portal Golem.de werfen nämlich den Datenschützern von Digitalcourage diverse Fehlannahmen, Kenntnislücken und Ungenauigkeiten vor – mit dem (Fehl-)Alarmruf hätten die Aktivisten der Sache einen Bärendienst erwiesen. Die Analyse bei Golem.de liest sich für mich plausibel – im Übrigen hatte ich den vermeintlichen Skandal ohnehin eher für einen Sturm im Wasserglas gehalten: Wer sich als Testperson für den Pilotversuch gemeldet hatte, im Gegenzug für einen kleinen Amazon-Gutschein, der hat ja offenbar kein exorbitantes Problem mit einer gewissen temporären Aufgabe seiner „Privacy“.

Denn wohlgemerkt – mit dem eigentlichen eventuell kommenden Regelbetrieb der automatischen Gesichtserkennung hat die Transponder-Karte ja überhaupt nichts zu tun. Die Golem-Autoren betonen, dass auch sie – wie Digitalcourage – die geplante biometrische Erfassung und Speicherung unbescholtener Bürger sehr kritisch sehen, ich schließe mich dem an. Ob die Methode tatsächlich einen ungeheuren Sicherheitsgewinn bringt, darf man einstweilen bezweifeln, wie aber die Kollateralschäden funktionieren – der britische Datenschutzbeauftragte hat gerade wieder einmal nachgewiesen und heftig kritisiert, dass einmal bestehende Einträge in Polizei-Datenbanken rechtswidrig praktisch nie gelöscht oder korrigiert werden – das haben die Vorgänge rund um die Akkreditierungen von Journalisten beim G20-Gipfel gezeigt.

Die Aufregung darüber ist übrigens kein selbstverliebtes Gejammere einer privilegierten Berufsgruppe, wie man zuweilen lesen konnte. Entsprechende Einträge in Behörden-Datenbanken gibt es natürlich nicht nur bei Journalisten, sondern bei Jedermann und Jederfrau. Und die fragen sich halt dann irgendwann, warum sie eigentlich den angestrebten Job oder die Wohnung nicht bekommen oder warum ihr Visa- oder Kontoeröffnungsantrag abgelehnt wird.

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 25.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

Neues zur Social-Media-Kontrolle bei einer Einreise in die USA

Dass bei der Visumerteilung und der Einreise in die USA auch bestehende Social-Media-Accounts angegeben werden werden müssen, hatte ja beim Bekanntwerden der Neuerung – noch in der Amtszeit von Barack Obama – für einiges Aufsehen gesorgt. Seinerzeit war offen geblieben, wie eigentlich die Überprüfung eines Facebook- oder Twitterkontos ablaufen würde, welche Erkenntnisse dabei eigentlich gewonnen werden sollen. Jetzt gibt es erstmals eine konkrete Antwort darauf – naheliegenderweise erfolgt der Account-Check per Software und Sentiment-Analyse, das berichtet die US-Wochenzeitung The Nation.

Da kann also jeder USA-Reisende nur hoffen, dass er zuvor den richtigen Ton getroffen hat in seinen Postings und Tweets. Und dass die Analyse-Software auch alles richtig verstanden hat. Vielleicht hilft es ja, alle Verlautbarungen von TheRealDonald zu retweeten, immer mit einem Daumen-hoch-Emoji oder einem kurzen „Great – weiter so!“

Allerdings – es ist ja nicht gesagt, ob die Amtszeit des „Orange one“ nicht vorzeitig zu Ende geht. Oder ihm sein Twitter-Account abhanden kommt, was eine ehemalige CIA-Agentin mit einer „äußerst originellen“ Crowdfunding-Idee anstrebt. (Ich überlege, ob ich nicht auch eine Milliarde Dollar, gerne auch mehr, einsammeln soll, um Trump seinen Tower abzukaufen und ihn dann auf die Straße zu setzen. Oder seine Golfplätze, und ihm dann Hausverbot erteilen.) Auch Nordkorea sieht hier Handlungsbedarf – leider fehlt es dem Land derzeit an Devisen, um sich an der gut gemeinten Aktion zu beteiligen.

USA-Einreise: Software prüft, ob der Ton in Social-Media-Profilen stimmt · Deutschlandfunk Nova

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 24.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

Erst Scaramucci, jetzt Breitbart: Der Email-Prankster schlägt wieder zu

Das Türenschlagen und Ein- und Ausflattern komischer Vögel im bekanntesten Irrenhaus der Welt geht munter weiter, inzwischen hat ja auch „Chefstratege“ Steve Bannon sein Köfferchen packen dürfen und ist in allerbestem Einvernehmen mit seinem guten Kumpel Donald wieder bei Muttern eingezogen zu seinem Hetz- und Fake-News-Portal Breitbart zurückgegangen. Um dort den „Krieg“ für Donald und die große amerikanische Nation weiterzuführen. Nun ist ja bekanntlich jeder Krieg ein Stück weit schmutzig, und insofern macht Breitbart nun also auch in Richtung Weißes Haus das, was es am besten kann: Mit Schmutz werfen. Ein paar Klümpchen gegen Buddy Donald selbst, die richtig dicken Brocken aber gegen die Typen, die dem Chefstrategen Bannon immer wieder ins Handwerk gepfuscht haben.

 

Das sind nämlich Donalds Tochter Ivanka und ihr Ehemann Jared Kushner (die im Gegensatz zum POTUS selbst noch zurechnungsfähig zu sein scheinen und ihm hoffentlich im Rahmen ihrer Betreuungspflichten auch schon das Atomköfferchen versteckt bzw. ausgetauscht haben…) – und die glaubt Breitbart-Chefredakteur Alex Marlow bis Ende des Jahres aus dem Weißen Haus mobben zu können; notfalls auch mit richtig dreckigem Dreck. Das schreibt er jedenfalls in einer launigen Antwortmail an seinen Wieder-Chef Bannon – doch oh weh – die Mail kam gar nicht von dem, sondern vom Email-Prankster, der ja vor kurzem schon die Mutter aller Kommunikationschefs, Anthony Scaramucci, auf unterhaltsame Weise genarrt hatte.

Die ziemlich unbeeindruckte Reaktion der Breitbart-Bagage auf den Prank nötigt aber auch schon wieder Respekt ab: In den geleakten Mails stehe ja nichts anderes drin, was man nicht auch auf der Breitbart-Seite offen publizieren würde, so Marlow. Niedertracht und Dreck eben. „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sichs gänzlich ungeniert.“

Deutschlandfunk Nova · Posse im Weißen Haus: Jeder gegen Jeden

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 23.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

Bei Online-Bewertungen kann weniger mehr sein

Ob bei eBay, Amazon oder anderen Online-Händlern – wer beim Kauf noch zwischen ein paar Produkten schwankt, schaut auf die Bewertungen oder Rezensionen. Weil das für uns alle so alltäglich und selbstverständlich geworden ist, haben wir dabei bestimmte Denkmuster im Kopf, sagen Psychologen von der Stanford University. Die können uns allerdings sogar in die Irre führen bei der Kaufentscheidung, so das Ergebnis ihrer Untersuchung. Der intuitive Automatismus „viel Bewertungen sind besser als wenige“ spielt natürlich auch Rezensions-Fakern noch einmal zusätzlich in die Hände.

Ratings: Wann Produkte mit wenigen Bewertungen kaufen · Deutschlandfunk Nova

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 22.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

Appell an UN: Autonome Waffen ächten

Das Szenario ist uns aus zig Science-Fiction-Filmen vertraut, vom Terminator bis zu Matrix: Vom Menschen geschaffene „Künstliche Intelligenz“, die irgendwann aus dem Ruder läuft und sich gegen den Menschen wendet. Dass sehr ernstzunehmende Wissenschaftler und Unternehmer – die eben selbst an KI forschen oder diese in ihren Produkten einsetzen – vor „Killer-Robotern“, vor autonom agierenden Waffensystemen warnen, ist gar nicht einmal neu, aber bestimmt keine irrationale Schwarzmalerei von Technik-Skeptikern. Elon Musk, einer der Mitunterzeichner des offenen Briefes hatte sich in dem Zusammenhang vor kurzem ein kleines Scharmützel mit dem Chef von Facebook, Mark Zuckerberg, geliefert.

Ob sich die Entwicklung der Waffen der Cyber-Generation durch eine UN-Ächtung aufhalten lässt, das darf man (als Berufs-Pessimist sowieso…) getrost bezweifeln. Zu verlockend sind vollautonome Waffensysteme für die Militärs, gerade in einer Zeit der „asymmetrischen Kriegsführung“, in der man es einerseits mit einem technologisch unterlegenen Feind zu tun hat – und in der man (bzw. die Gesellschaft hinter der High-Tech-Armee…) immer weniger bereit ist, eigene Verluste zu akzeptieren. Die „Killer-Roboter“ versprechen einen strategischen und taktischen Vorteil, der kriegsentscheidend ist – zumindest eine Zeitlang. Bis nämlich die ersten Systeme in fremde Hände fallen oder gehackt werden, bis die Underdogs technologisch nachgezogen haben – nur ein kleines Beispiel: Mit Drohnen lässt sich schon jetzt allerhand anstellen, und dass die bisherigen islamistischen Terroristen überwiegend debile Kleinkriminelle sind, muss ja nicht immer so bleiben.

Vom Super-GAU, der „Emanzipation“ und Bewusstwerdung einer KI jetzt einmal ganz abgesehen: Autonome Waffensystem entwickeln heißt, die Büchse der Pandora öffnen – sagen die Verfasser des warnenden Briefes. Da ist definitiv etwas dran.

Deutschlandfunk Nova · Autonome Waffensysteme: Unternehmer appellieren, die Entwicklung autonomer Waffen zu ächten

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 21.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

Bitcoin-Cash-Kurs explodiert, Bitcoin-Transaktionen sind nicht so anonym wie gedacht

Gerade mal drei Wochen ist es her, da hat sich die „Rebellen-Währung“ Bitcoin Cash abgespalten vom Platzhirsch der Cyberwährungsbranche. Nach einer kurzen Kursexplosion lag die Notierung dann geradezu verdächtig stabil bei rund 300 Dollar – aber jetzt war dann wieder mal die nächste Explosion fällig; der Kurs des Bitcoin Classic hatte ja auch schon wieder unfassbar zugelegt. Das alles ist Wahnsinn, und eben auch nicht Wahnsinn: Marktwirtschaft halt.

Ganz offenbar gibt es eben an mehreren Cyberwährungsbörsen eine ausreichende Anzahl von Leuten, die bereit sind, Bitcoin Cash nun zu höheren Kursen zu kaufen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Immer mehr Handelsplattformen unterstützen die Rebellen-Währung jetzt doch, die Transaktionszahlen und -volumina steigen. Für die mächtige Fraktion der Miner ist beim gestiegenen Kurs das Bitcoin Cash-Schürfen sogar attraktiver als das Errechnen der klassischen Cyber-Münze, und es gibt wieder eine gute Nachricht in Richtung allgemeiner Akzeptanz: Ein ehemaliger Vermögensverwalter der Harvard Universität plant, einen Cyberwährungs-Hedgefond aufzulegen – wo also auch Leute in Bitcoin und Konsorten investieren könnten, die sich mit der technischen Materie unmittelbar nicht beschäftigen wollen.

Da Bitcoin Cash genauso gut funktioniert wie Bitcoin, dürfte auch schlicht ein psychologischer Aspekt eine Rolle spielen: Der Unterschied zwischen „billigem“ und „teurem“ Kurs der beiden Rivalen. Und möglicherweise gibt es noch eine äußerst freudige Botschaft für all die Bitcoin-Besitzer, die ihre Reichtümer auf einer Plattform gelagert hatten, die Bitcoin Cash nicht unterstützt hatte. Bei so viel Jubel-Nachrichten ein kleiner Wermutstropfen: Online-Einkäufe mitt Bitcoin sind viel weniger anonym als gedacht, das zeigt eine Studie der Princeton University – der ganz normale Tracking-Wahnsinn ist schuld. Letzte Woche hatten andere Wissenschaftler schon gezeigt, dass sich per Bitcoin bezahlte Menschenhandel- bzw. Kindersex-Anzeigen ebenfalls mit dem Kassenbuch der Cyberwährung, der Blockchain abgleichen lassen.

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 21.08.2017 (Moderation: Thilo Jahn)

Erdogan attackiert Kurz scharf

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den österreichischen Außenminister Sebastian Kurz in einer scharfen persönlichen Attacke vor weiterer Kritik an der Türkei gewarnt. „Er kennt keine Grenzen“, kritisierte Erdogan in einer im Fernsehen übertragenen Rede. An Kurz gerichtet fügte Erdogan hinzu: „Wer sind Sie, dass Sie mit dem Präsidenten der Türkei reden? Beachten Sie Ihre Grenzen!“ Auch kritisierte Erdogan, Kurz versuche, „uns eine Lektion zu erteilen“. Wiederum an den Außenminister gerichtet fügte er hinzu: „Wie lange sind Sie eigentlich in der Politik? Wie alt sind Sie?“

 

Mit seiner Kritik reagierte Erdogan offenbar darauf, dass sich Kurz jede Einmischung des türkischen Präsidenten in die österreichischen Wahlen im Oktober und ganz allgemein „in innere Angelegenheiten anderer Staaten“ verbeten hatte. Erdogan hatte türkischstämmige Wähler in Deutschland zuvor aufgefordert, bei der Bundestagswahl im September nicht CDU, SPD oder Grüne zu wählen.

Vor seiner Zurechtweisung des österreichischen Außenministers hatte der türkische Präsident bereits den deutschen Außenminister mit ganz ähnlich klaren Worten zurechtgewiesen. Der an und für sich für seine stets sehr zurückhaltenden und diplomatisch formulierten politischen Statements bekannte türkische „Reis“ geriet bei seiner Ermahnung des noch blutjungen Polit-Neulings Kurz ausnahmsweise etwas in Rage: „Wenn das Milchgesicht nicht die Fresse hält, werden wir da weitermachen, wo unsere tapferen osmanischen Truppen aus humanitären Gründen 1683 noch einmal Gnade vor Recht haben walten lassen.“

 

„Die Politiker in Deutschland zittern vor dem Donnerhall aus Istanbul Ankara und springen auf und ab. Und dieses Würstchen aus dem bedeutungslosen Alpen-Kleinstaat wagt es, dem Türkischen Präsidenten, gelobt sei sein Name, zu drohen?“ führte Erdogan weiter aus. Auch Adolf Hitler sei bekanntlich Österreicher gewesen, erinnerte der geschichtsbewanderte türkische Präsident: „Ihr seid Faschisten. Ihr mit Euren Nazi-Praktiken könnt so verärgert sein wie Ihr wollt.“ Recep Tayyip Erdogan kündigte zum Abschluss seiner von seinen Anhängern umjubelten Rede an, Jan Böhmermann, Sebastian Kurz, Sigmar Gabriel sowie überhaupt sämtliche Kritiker, Journalisten, Dissidenten und Spötter „überall auf der Welt“ verhaften und in die Türkei ausliefern zu lassen.

Smartphone-App als Schuldbeweis? Die Nutzer von ByLock gelten in der Türkei als Terroristen

Auch ein Jahr nach dem gescheiterten Militärputsch herrscht in der Türkei der Ausnahmezustand. Und nach wie vor kommt es zu Massenentlassungen und Verhaftungswellen – der Vorwurf an die Betroffenen: Sie seien Anhänger der Gülen-Bewegung, oder wie es im Sprachgebrauch von türkischer Regierung, von Behörden und der regierungsnahen Presse heißt, sie seien Mitglieder der FETÖ, der „Fethullah-Gülen-Terrororganisation“ und hätten den Putschversuch unterstützt. Eine zentrale Rolle dabei spielt eine außerhalb der Türkei praktisch völlig unbekannte Smartphone-App. „ByLock“ heißt die – und wer die auf seinem Handy installiert hat, gilt in der Türkei als Terror- oder Putsch-Unterstützer.

ByLock galt einmal in der Türkei als ganz toller Geheimtipp für vertrauliche, End-zu-End-verschlüsselte Kommunikation. Bedarf dafür gab/gibt es ja im Reich des in irgendwelchen nationalistischen, religiösen oder vielleicht auch nur in Wirklichkeit ganz pragmatisch gewinnorientierten Sphären schwebenden Ministerpräsidenten/Präsidenten/nach einer kleinen Umgestaltung der türkischen Verfassung 🙂 wieder „Reis“ Recep Taijip Erdogan genug. Peinlicherweise war ByLock entweder ein Programmier-Desaster oder eine besonders gelungene Honeypot-Aktion des türkischen Geheimdienstes.

Von außen, mit „normalen“ journalistischen Methoden lässt sich zur Zeit nicht seriös klären, was eigentlich bei ByLock losgewesen ist. Offizielle türkische Quellen und regierungsnahe türkische Medien sind momentan – vorsichtig ausgedrückt – etwas einseitig. 🙂 Bei den betroffenen ByLock-Beschuldigten geht es – kein Spaß – um die Lebensexistenz. Aber natürlich ist auch, trotz der bislang von türkischer Seite nicht nachgewiesenen Verantwortung der Gülen-Organisation für den Putschversuch, die Gülen-Bewegung kein richtig guter Auskunftsgeber. Dass sie zielgerichtet versucht hat, ihre Anhänger in Schlüsselpositionen in der türkischen Verwaltung; in Justiz, Polizei und Militär zu bringen, das darf man wohl als gesichert ansehen. Nur war das ja genau der Masterplan auch der AKP- in den Zeiten der sehr engen Verbindung zwischen Recep Taijip Erdogan und Fetullah Gülen.

Walter McDaniel, Journalist und Freelance-Autor für diverse Online-Medien hat in seinem „ByLock Report“ einmal sehr ausführlich die im Netz rekonstruierbare Historie des unglückseligen Messengers recherchiert und aufgelistet; insbesondere räumt er hier auch mit den in verschiedenen türkischen Medien referierten angeblichen „Besonderheiten“ von ByLock auf, die angeblich die „verschwörerische Natur“ von ByLock beweisen könnten. Worauf er allerdings nicht eingeht: Angeblich soll es – laut einem Untersuchungsbericht türkischer Oppositionsparteien – wobei „Opposition“ hier auch wiederum nicht im landläufigen Sinne zu verstehen ist 🙂 – ByLock-Versionen gegeben haben, die ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch „per Hand“ innerhalb der Gülen-Bewegung verteilt worden sind. Und angeblich sollen hier auch die berüchtigten Ein-Dollar-Noten eine Rolle gespielt haben, als Zugangscode für ByLock +++

Klingt reichlich abstrus. Fazit auf jeden Fall: Wer einmal irgendwann – aus welchen Gründen auch immer – ByLock auf seinem Smartphone installiert hatte, sollte dieses auf gar keinen Fall bei einer eventuellen Einreise in die Türkei mitnehmen. Ein für diesen Zweck gebraucht gekauftes Gerät ist auch eine ganz schlechte Idee. Und selbst ein Billig-Neugerät birgt Risiken: Es soll nämlich Smartphone-Produzenten in China geben, die Bauteile aus ausgedienten Geräten wiederverwenden – mit sehr viel Pech könnte man sich damit ebenfalls ByLock-Spuren einhandeln. Auch so eine Falsch-Beschuldigung würde sich mit einer sehr diffizilen forensischen Untersuchung ausräumen lassen. Wenn die – sicherlich völlig unabhängig agierenden türkischen Gerichte 🙂 – nach einem dreijährigen Bearbeitungsstau und entsprechender Untersuchungshaft-Dauer diesem Experten-Gutachten dann auch folgen.

Oder man lässt sich einfach momentan etwas Zeit mit der Türkei; wenn als Außenstehender möglich. Herr Erdogan ist ja gerade etwas erregt und lässt weltweit verhaften.

Deutschlandfunk – Computer und Kommunikation vom 19.08.2017 (Moderation: Manfred Kloiber)

Amazon Instant Pickup: Tante-Emma-Laden für Soziopathen

Es gibt ja sehr ernstzunehmende Indizien dafür, dass die Allgegenwart von Smartphones signifikant negative Auswirkungen auf das körperliche und geistige Wohlbefinden von „Homo sapiens sapiens“ hat. Die einen kommen beim Straßenüberqueren oder Pixel-Monster-Jagen unter die Räder, die anderen verlieren für die Arterhaltung notwendige Kompetenzen an „KI“-Algorithmen. Smartphones, kurzum, machen blöd – selbst wenn man sie nur auf dem Tisch liegen hat.

Aber Hand aufs Herz – ist das nicht wirklich viel schöner, nur ganz virtuell durch Tinder-Angebote durchzuwischen, als die Typen wirklich zu daten und dann festzustellen, dass die Fotos Fake waren und die Biografien sowieso? Und ist es nicht viel schöner, auch alltäglichen To-Go-Bedarf wie Snacks, Getränke und Alexa-Abhördrohnen 🙂 mal eben per App zu kaufen und dann aus einem Schließfach zu entnehmen, als die von einem anderen Menschen (womöglich aus einer anderen sozialen Schicht…) überreicht zu bekommen?

Bild: Amazon.com

Ja. Ist viel schöner. Und deswegen gibt es halt bei Instant Pickup eine metallene Trennwand zwischen Käufer und Verkäufer. Wobei ja theoretisch noch ein Moment der Anarchie oder der Romantik möglich wäre – vielleicht macht man ja mal das Schließfach genau in dem Moment auf, in dem die Amazon-Mitarbeiterin auf der anderen Seite auf den allerletzten Drücker die Ware hineinlegt. Und dann ein tiefer Blick in die Augen, durch das Schließfach; von Türchen zu Türchen. Aber nein – das wird der Algorithmus schon zu verhindern wissen.

Um mal von diesen Exkursionen auf den Boden der nackten Realität zurückzukommen: Erst einmal könnte man bei einer Bestellung vorab und der dann folgenden Abholung tatsächlich die paar Sekunden sparen, die ein Verkäufer hinter dem Tresen zum aus-dem-Regal-holen bräuchte. Und zweitens (das ist ein Hinweis einer Kollegin bei Deutschlandfunk Nova…) fragt mit Trennwand auch niemand: „Haben Sie eine Payback-Karte?“ Wobei – das könnte Amazon ja noch in die App mit einbauen 🙂 …

Deutschlandfunk Nova · Amazon Instant Pickup: Tante-Emma-Laden für Soziopathen

Deutschlandfunk Nova – Hielscher oder Haase vom 17.08.2017 (Moderation: Till Haase)