Wie verwundbar ist das Internet?

Nicht allzu sehr, sondern im Gegenteil ziemlich unkaputtbar – so würde eigentlich die spontane Antwort lauten. Denn genauso ist das Netz ja ursprünglich konzipiert worden, als militärisches Kommunikations-Projekt: Die Informationen laufen nicht als Punkt-zu-Punkt-Verbindung, sondern suchen sich im Zweifelsfall ihren Weg selbst; wenn eine Route gekappt wird, dann wird auf eine Alternativstrecke umgeroutet. So weit, so (theoretisch…) gut.

Praktisch gesehen gibt es zum einen höchst neuralgische Strecken – die interkontinentalen Unterseekabel z.B., die ja denn auch im besonderen Fokus von staatlichen Akteuren stehen. Aber auch mit der Redundanz der Landverbindungen ist es u.U. gar nicht so weit her – im ungünstigsten Fall liegen die Kabel unterschiedlicher Provider im gleichen Schacht.

Um das Risikopotential abschätzen zu können, bräuchte man zu allererst eine verlässliche und umfassende Karte der Internet-Verbindungsstrecken – die gab es bislang selbst im Mutterland des Netzes nicht. Paul Barford, Professor an der Universität Wisconsin hat die Topologie jetzt in vierjähriger Arbeit zusammengetragen – mit finanzieller Unterstützung des Department of Homeland Security (DHS). Und aus naheliegenden Gründen kann die Karte auch nur mit DHS-Segen eingesehen werden: Für potentielle Angreifer wäre sie ein gefundenes Fressen; natürlich soll sie aber im Gegenteil dazu dienen, besonders gefährdete Strecken besser abzusichern.

Dafür plaudern bei der NYT andere Experten aus dem Nähkästchen: Die Knotenpunkte, die “Internet exchange points” (IXPs), an denen nationale und internationale Netz-Verbindungen zusammenlaufen, sind teilweise in völlig ungesicherten, antiken Gebäuden untergebracht – in alten Telegrafenstationen zum Beispiel. Auch wenn Tarnung durch Unscheinbarkeit ja auch irgendwie eine Idee ist – richtig vertrauenserweckend ist das nicht, dass es für IXPs im Gegensatz zu Cloud-Datencentern praktisch keine Sicherheits-Vorschriften gibt.

Fazit: das Netz ist vielleicht gar nicht so unkaputtbar wie theoretisch gedacht und gemeinhin postuliert. Welche Folgen ein durchschlagender Angriff auf die Internet-Infrastruktur hätte, das kann man aufgrund realer Mini-Pannen nur recht ansatzweise erahnen – tatsächlich würde im schlimmsten Fall ein weitgehender Total-Aufall jeglicher Kommunikation, Organisation und Information drohen, dazu ein Ausfall von Geräten vom Smartphone bis zum Kraftwerk.

Zum Glück hinken reale Terroristen bislang den Film-Bösewichten an Effizienz und Know-How noch weit hinterher. Aber das muss ja nicht zwangsläufig immer so bleiben.

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 9.11.2015 (Moderation: Marlis Schaum)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.