Warum der Journalismus Probleme hat. Angeblich. Tatsächlich. Oder auch nicht.

Immer weniger Leute sind bereit, für Journalismus bzw. Online-Nachrichten Kohle rauszurücken. Das ist (so ungefähr…) die Erkenntnis aus einer Studie des “Reuters Institute for the Study of Journalism”, die bei Telepolis referiert wird. Jetzt muss man ganz kurz erst mal festhalten: Zwischen Online-Nachrichten und Journalismus besteht noch ein ganz kleiner Unterschied. Für pure Nachrichten Kohle rauszurücken, da bin ich (als Privatperson…) auch ganz ehrlich gesagt nicht bereit. Also für reine Agentur-Meldungen a la “Kanzlerin Merkel hat sich heute mit dem Präsidenten von West-Belutschistan getroffen. Die Unterredung dauerte eine Minute länger als geplant.”

Selbst das ist eigentlich schon Quatsch, denn eine nüchterne Agentur-Meldung ist insofern schon durchaus werthaltig, als sie eben unter Einhaltung von gewissen Qualitätskriterien von professionellen Agentur-Journalisten erstellt wird. Soll heißen: der Typ oder die Typin, die diese kurze Notiz verbrochen hat, war tatsächlich vor Ort oder hat die Message aus definitiv vertrauenswürdigen Quellen erhalten. Und in der Nachrichtenagentur hat noch mal jemand professionell drüber geschaut, ob die Meldung plausibel ist und plausibel formuliert ist. Mit anderen Worten: Sie können als Leser(in) ziemlich sicher sein, dass Angela Merkel tatsächlich den Präsidenten von West-Belutschistan getroffen hat.

Leider besteht ein Großteil des Journalismus, der in der Presselandschaft angeboten wird, nur noch aus Agenturmeldungen. Das heißt, egal ob Sie den Kölner Stadtanzeiger lesen oder das Winsen-an-der-Luhe-Lokalblättchen; Sie bekommen stets die gleichen Einheits-Artikel. Das ist definitiv traurig, aber natürlich eine Folge der stetigen Einnahmeverluste in der Presse (Kostensteigerung, rückläufiges Anzeigengeschäft, rückläufige Auflagen…) und des daraus resultierenden konstanten Sparzwangs. Als (privilegierter…?) Journalist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann ich dies zunächst einmal nur konstatieren…

“Journalismus” in der Abgrenzung von “Online-Nachrichten” hat natürlich noch mal einen Mehrwert. Nämlich den der Einordnung einer “News” in einen fachlichen oder chronologischen Hintergrund. Bezeichnend ist ja ein Kommentar bei Telepolis, den ich hier zitiere – obwohl der/die Urheber(in) “macOS6000” bei Betrachtung seiner/ihrer Post-Historie einen starken Troll-Verdacht hinterlässt:

Weil halt Informationen überall zur Verfügung stehen. Man braucht keine Druckerpresse mehr. Fast alles kann mit Sonden, Kameras in Echtzeit erfasst werden, sogar Gravitationswellen sind jetzt drin. Informationen müssen nicht mehr von einer kleinen Gruppe gesammelt, sortiert und dann präsentiert werden. :-D

Die Leute brauchen halt keine andere Menschen mehr, die für sie denken.

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Liebe(r) macOS6000 – wir Journalisten/Journalistinnen wollen oder erheben gar nicht den Anspruch, für Sie zu denken. Wir sind pure Dienstleister. Können Sie selbst etwas mit Rohdaten aus einer Gravitationswellen-Erfassung anfangen? Oder mit dem wissenschaftlichen Paper der Physiker, die ihre Forschung in einem wissenschaftlichen Fachblatt in Englisch veröffentlicht haben? Ja? Herzlichen Glückwunsch! 99% der Menschen können das nicht, und für diese Menschen sprechen meine Kollegen, die z.B. promovierte Physiker sind; oder ich selbst mit den Autoren solcher Studien und versuchen das Ganze allgemein verständlich in einem 4-Minuten-Radiobeitrag darzustellen.

Haben Sie die totale Checkung, was in West-Belutschistan in den vergangenen Monaten passiert ist? Wahrscheinlich nicht, wenn Sie nicht der absolute Überflieger sind und keinem geregelten Berufsleben nachgehen. Bei uns Journalisten schreibt aber (hoffentlich…) jemand über das Thema, der/die zumindest eine rudimentäre Checkung hat, was in West-Belutschistan so abgeht. Und dann wird das noch mal gegengelesen von jemand anders, der auch so eine rudimentäre Checkung hat. Das alles heißt nicht, dass wir keine Fehler machen oder auch unter Zeit- und Spardruck stehen.

Aber Sie selbst kaufen Ihre Brötchen doch wahrscheinlich auch beim Bäcker. Und kochen wahrscheinlich nicht so gut wie ein professioneller Koch in einem Restaurant, von der Eckkneipe zum Gourmet-Tempel aufsteigend… Wir professionellen Journalisten bieten Ihnen einfach eine Dienstleistung, genau wie der Bäcker oder der Koch. Sie können davon ausgehen, dass das, was wir abliefern, so einigermaßen genießbar und korrekt ist. Das spart Ihnen einfach eine Menge Zeit – alle Informationen selbst nachzuchecken und zu bewerten, ist genauso unrealistisch, wie alle seine Brötchen selbst zu backen.

Definitiv gibt es im Journalismus Leute mit “ich-erklär-euch-die-Welt-Gestus”. Definitiv gibt es Leute mit Parteibuch und ideologischen Scheuklappen. Aber das kann man ja individuell kritisieren und belegen. Zu den Typen aber, die alle journalistischen, mehr oder weniger qualitativen Brötchen/Beiträge von vornherein als “Fake-News” abtun – da kann ich nur sagen:  Vielleicht ist da in Ihrer Biografie und Ihrem Weltbild etwas schiefgelaufen. Sie haben nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder sind ein (wenn bezahlter; dann herzlichen Glückwunsch…) Troll.

Die grundsätzlichen Fragen der Reuters-Studie sind natürlich auch noch mal bedenkenswert: Will ich das wirklich wissen, dass gestern in Thailand 199 Menschen bei einem Flugzeug-Absturz ums Leben gekommen sind? Früher, sagen wir mal im Mittelalter, hätte ich nie davon gehört. Die Nachricht belastet mich irgendwie; und andererseits kann ich sie emotional nicht einordnen oder verarbeiten, weil ich eigentlich nicht die geringste Beziehung zu den Opfern habe. “Zu einem besseren Ort” bringt mich eine Nachricht darüber garantiert nicht.

Nur leider sind halt Nachrichten tendenziell negativ: Wenn hundert Leute einen schönen Tag beim Apfelsaft-Festival in Winsen an der Luhe hatten, dann ist das eher keine Nachricht. Wenn hundert Leute über Winsen an der Luhe mit einer Boeing 737 Max abstürzen, dann eher ja. Wie stark Sie sich diesen tendenziell negativen Nachrichten aussetzen wollen, das bleibt natürlich Ihnen überlassen. Aber total den Kopf in den Sand stecken bringt auch nichts – wenn Donald Trump dafür sorgt, dass Huawei gebannt wird, dann bekommt im Zweifelsfall auch Ihr Handy kein Android-Update mehr…

Also mal das Fazit: Wir Journalisten sind Dienstleister wie Bäcker und Köche. Wir bieten Ihnen Leistungen, die Sie im Ideal- oder Ausnahmefall auch selbst hinbekommen könnten. Aber Sie haben ja möglicherweise auch selbst einen Beruf und von daher nur noch begrenzte Zeit bzw. Ressourcen. Wenn Sie Bauingenieur sind, dann versuche ich ja auch Ihre Expertise nicht selbst zu errechnen. Wenn Sie Bäcker sind, kaufe ich meine Brötchen bei Ihnen, Wenn Sie Koch sind, esse ich bei Ihnen. Das alles hat seinen Preis, vollkommen legitimerweise. Und das gleicht sich ja insgesamt einigermaßen aus.

Außer, Sie sind der totale Voll-Checker. Können Gravitations-Physik-Meldungen einordnen, kennen sich in West-Belutschistan aus, können backen und kochen. Herzlichen Glückwunsch!

Ich glaub Ihnen nur kein Wort. Oder sagen wir mal: Sie sind nicht repräsentativ. Oder ein Troll.

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