Archiv des Autors: mgessat

Zu viele Mitwisser verderben die Verschwörung

Wie heißt es doch so schön? „Nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.“ Und so gibt es eben doch eine ganz beachtliche Zahl von Zeitgenossen, die die Welt mit ganz anderen Augen sehen, als das vom Mainstream als „normal“ angesehen wird.

Nun ist ja eine gewisse Skepsis vielleicht gar nicht so schlecht, aber wer hinter jeder Ecke eine Verschwörung vermutet, lässt (jedenfalls rational betrachtet…) eines außer acht: Dass nicht nur ein paar Leutchen, sondern gleich zehntausende Menschen bei einem bestimmten Geheimnis dichthalten können, und das auch noch über einen längeren Zeitraum – das ist extrem unwahrscheinlich, wie jegliche Alltagserfahrung lehrt. Wie unwahrscheinlich, das hat jetzt der britische Krebsforscher und Wissenschaftsjournalist David Robert Grimes errechnet – mit einer Risikoformel für die Haltbarkeit bzw. das Auffliegen einer Verschwörung.

Trotz großzüger Annahmen bei der Berechnung der Anzahl möglicher Mitwisser, trotz statistischer Feinheiten wie der Berücksichtigung von natürlichen wie unnatürlichen Todesfällen bei den Verschwörern – bei einer Betrachtung der populärsten wissenschaftsskeptischen Verschwörungstheorien ist jedenfalls ganz klar: Das haut nicht hin; es sind einfach zu viele Leute involviert.

David Robert Grimes wäre kein guter Wissenschaftler, wenn er nicht selbst augenzwinkernd auf die methodischen Schwächen seines Risiko-Modells hinweisen würde: Eigentlich bräuchte man ja zur Kalibrierung nicht nur die Daten ein paar aufgedeckter Verschwörungen, sondern auch die ein paar nicht aufgedeckter. Da ist allerdings extrem schwierig dranzukommen. 🙂

Grimes ist relativ optimistisch, dass man mit guten Argumenten zumindest die Skeptiker überzeugen kann, deren Glauben an bestimmte Theorien eher zufällig als dogmatisch ist. Wobei es dabei ja ein nicht zu unterschätzendes Problem gibt: Im Internet und in Social Media breiten sich anscheinend Gerüchte und Verschwörungstheorien viel schneller und weitreichender aus als belegbare Fakten. Und möglicherweise ist eine hübsche Verschwörungstheorie ja einfach auch viel unterhaltsamer als die nüchterne Wahrheit.

Mathematisches Risikomodell – Zu viele Mitwisser verderben die Verschwörung

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 27.01.2016 (Moderation: Ralf Krauter)

Email vom Direktor der Weltbank

… genauer gesagt, vom „Direktor der Weltbank aufgelaufenen Zins amerikanischen Büro“; dem allseits bekannten und verehrten Dr. Echo Blum.

Spam/Scam-Mails mit aparten Geschichten und noch aparteren Resultaten automatischer Übersetzung (obwohl die doch eigentlich allmählich ganz gut funktionieren sollte…) sind ja nicht sooo außergewöhnlich; manchen geschätzten Journalisten-Kollegen gelingt sogar zuweilen, solche Mails 1:1 als Glosse honorarpflichtig im Programm unterzubekommen 🙂

Aber die heutige Zuschrift von Dr. Blum ist wirklich auch in langfristiger Perspektive mein neuer und sofortiger Favorit; ich stelle sie hiermit kostenfrei zur Verfügung und ermutige jedermann und jedefrau, bei der angegebenen Kontaktadresse bzw. Telefonnummer den angesprochenen Geldbetrag zu reklamieren – bei mir laufen eh ständig die Konten alle über, insofern trete ich da gerne zurück.

WORLD BANK GROUP UNITED STATES OF AMERICA

42, 122 E 42nd St, New York, NY 10168, United States
ACCRUED INTEREST PAYMENT UNIT
Phone +1-7169022295=  Fax +1-7162427998

E-MAIL: drechoblum1732@gmail.com

 

Achtung: Michael Gessat,

THEMA: Aufgelaufene Zinsen Zahlungsmitteilung

Wir, die Weltbank Wirtschaftsprüfer finden es notwendig, heute darüber informieren, dass ein Zahlungs Datei wurde in deinem Namen zu den (378) bonafide Gläubiger während unserer Besuchs hier in New York Amerika über die allgemeine Finanzabschlussprüfung Verschuldung / Transaktionsüberleitung für das Geschäftsjahr festgestellt, 2014/2015.

Während die Ursache der anhaltenden allgemeinen jährlichen Wirtschaftsprüfung, entdeckten wir einen Überlauf Fonds in unserer Finanzcomputerdatenbanksystem, bei dem nach viel sorgfältiger Prüfung auf den Überlauf-Fonds, einen aufgelaufenen Zinsen Summe bestätigt, wir $2,182 Million durch lange Vertrags ergab / Lotterie / ATM-Karte und Vererbung Zahlungen im Rahmen der Weltbank verbundenen Unternehmen im Laufe der Jahre, nach dem dumpf Beratung auf den Zinsfonds von der Bank Bord, schlossen wir zur Abzahlung der Zinsen Fonds an die Begünstigten.

Basierend auf diesem Sinne, sind Sie verpflichtet, Ihre vollständige Informationen zu übermitteln, wie Ihre Adresse und Telefon-Nummer und auch Ihre Zahlungsoption, wie Sie es vorziehen, Ihre Zinszahlung erhalten und ermöglichen es uns, zu verarbeiten aufgrund in Ihrem Namen auf den Betrag $2,182 Million der Eingang der oben genannten Anforderungen, werden wir Ihre aufgelaufenen Zinsen Fonds so schnell wie möglich zu bearbeiten.

Hinweis: Ihre aufgelaufenen Zinszahlung Freigabeverarbeitung ist rechtlich von Betrug Unterdrückung mit Ausgabe von Anti-Scam-Zertifikat vom Internationalen Polizei (Interpol) geschützt werden Sie Kopie des Anti-Betrug durch Interpol auf Anfrage von unserem Büro erhalten.

Nehmen Sie unsere Glückwünsche während freuen uns auf Ihre loyalen maximale Antwort zu haben,
Freundliche Grüße
Dr. Echo Blum
Direktor der Weltbank aufgelaufenen Zins amerikanischen Büro.

Alles klar, loyalen maximalen Dumpf-Antiscam-Gruß auch von hier; lieber Dr. Blum.

Koko: Kognitive Therapie per App

Eine App für das mentale Wohlbefinden, um Stress oder Depressionen zu lindern? Das klingt erst einmal nach dem berühmten Bock als Gärtner, weil der ständige Tunnelblick auf Monitor oder Smartphone-Display viele Leute ja sehr effektiv vom eigentlichen Leben oder einer guten alten Mensch-zu-Mensch-Kommunikation abhält 🙂 …

Aber Koko will ein Hilfsmittel zur (problembezogenen…) menschlichen Kommunikation sein; für eine „crowdbasierte kognitive Verhaltenstherapie“ . Die Idee, wohlmeinende Zeitgenossen im Netz anderen gute Ratschläge geben zu lassen (und dabei auch wiederum selbst mental zu profitieren…) hatte der Psychologe Rob Morris am Media Lab des MIT entwickelt, an Versuchspersonen getestet und im Rahmen seiner Dissertation veröffentlicht.

Die App bringt den Hilfesuchenden dazu, sein Problem kurz und klar darzustellen und liefert den Ratgebenden Formulierungshilfen, wie sie im Sinne der Verhaltenstherapie zu einer neuen, positiveren Sicht der Dinge beitragen können. Wie bei Tinder können App-Anwender per Fingerwisch die (Problem-)Profile durchblättern und bei Interesse reagieren, wie bei Reddit kann man hilfreiche Lösungsvorschläge an die Spitze einer Liste „hochvoten“.

Das Ganze läuft anonym ab, auf Wunsch bzw. für manche Funktionen gibt man eine Emailadresse an (möglicherweise sollte das am besten ein quasi anonymer Instant-Account und nicht der am Arbeitsplatz sein 🙂 )  – und natürlich ist die von den Anbietern hoch und heilig versprochene Anonymität auch der Knackpunkt: Zwar wird ja in der Öffentlichkeit immer feierlich postuliert, dass mentale Probleme eine ganz normale Krankheit seien und man doch bitteschön professionelle Hilfe in Anspruch nehmen soll. Wenn dann allerdings bekannt wird, dass man eine Therapie macht oder gemacht hat, dann kann man sich eine eine private Krankenversicherung oder eine Verbeamtung abschminken…

Laut Auskunft des Mit-Gründers Fraser Kelton gibt es bei Koko langfristig durchaus eine Geschäftsidee: Eventuell könne man nämlich Organisationen mit hohen Mitgliederzahlen eine maßgescheiderte App verkaufen; Kelton nennt zum Beispiel Universitäten, die ihren Studenten ein Streß- oder Krisenbewältigungstool an die Hand geben wollen. Andererseits drängt sich natürlich auch der Gedanke an große Firmen auf – die ebenfalls aus verschiedensten Gründen am Innenleben ihrer Mitarbeiter interessiert sind.

Fazit: Eine plausible Idee, ein anscheinend seriöses Team dahinter – und trotzdem bleibt das Netz-Outing auch hier eine Sache mit Restrisiko.

Kognitive Therapie per App

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 17.12.2015 (Moderation: Marlis Schaum)

Künstliche Intelligenz – Maschinelles Lernen nach menschlichem Vorbild

Computerprogramme sind mittlerweile ganz gut darin, Dinge auf Fotos zu erkennen – den simplen Buchstaben „T“ etwa oder etwas komplexeres wie einen Tisch. Dafür müssen die Algorithmen allerdings zuvor trainiert werden – und zwar bislang mit hunderten oder tausenden entsprechenden Beispielbildern.

Ein Mensch hingegen braucht nur einen einzigen Tisch zu sehen, und kann anschließend auch verschiedenste Varianten des Möbelstücks identifizieren oder sogar selbst neu entwerfen. Und zwar deswegen, weil er das grundsätzliche Konzept – eine horizontale Platte auf vertikalen Stützen – versteht.

Die KI, die sogenannte „künstliche Intelligenz“ kann sich also durchaus vom Menschen noch einiges abschauen – und genau das ist der Ansatz für eine neue Art des „maschinellen Lernens“, den amerikanische Forscher in der aktuellen Ausgabe von „Science“ vorstellen.

Die Studie vergleicht menschliches und Maschinen-Lernen bei einem weiten Spektrum von visuellen Konzepten bzw. bei ausgewählten Alphabeten. Künstlerische Darstellung von Danqing Wang.

Die Studie vergleicht menschliches und Maschinen-Lernen bei einem weiten Spektrum von visuellen Konzepten bzw. bei ausgewählten Alphabeten. Künstlerische Darstellung von Danqing Wang.

Momentan funktioniert der von Joshua Tenenbaum, Brenden Lake und Ruslan Salakhudinov entwickelte Ansatz nur bei einem eigentlich bereits „erfundenen Rad“ – der Handschrifterkennung, einem „Showcase“ also mit sehr überschaubaren Freiheitsgraden und relativ leichten Trainingsmöglichkeiten.

Interessanterweise war aber bei der Science-Telekonferenz am Tag vor der Veröffentlichung kaum von den (übrigens sehr komplizierten und für Laien kaum nachvollziehbaren…) Details der aktuellen Studie die Rede, sondern eher von vagen Zukunftsperspektiven und der Frage, ob sich ein menschenähnlich lernender KI-Algorithmus auch auf andere Wissensdomänen übertragen lässt – jenseits von naheliegenden Varianten wie der Spracherkennung oder der Verbesserung der Autokorrektur auf Smartphones.

Eine sehr konkrete Nachfrage kam vom Reporter der „Defense One“ – und in der Tat sind Geheimdienstler und Militärs sehr interessiert, ob ein konzeptuell lernendes KI-Programm nicht auch dazu taugen könnte, die Absichten von Menschen vorherzusagen oder irgendwann einmal Drohnen oder Kampfdroiden autonom agieren zu lassen.

Da war dann die Frage von Tanya Lewis vom Business Insider sehr angebracht:

Besteht nicht die Gefahr, dass Ihr Programm voreilige Schlüsse zieht, wenn es sich auf zu wenige Beispiele stützt?

Und Professor Joshua Tenenbaum vom MIT, Psychologe und Kognitionswissenschaftler, gab ihr prinzipiell recht:

Diese Stereotypen oder Kurzschlüsse, die Sie ansprechen, das sind möglicherweise menschliche Schwächen als unausweichliche Konsequenzen unserer Stärken. Die spannende Frage ist also, wollen wir, dass Maschinen unsere Schwächen genauso erben wie unsere Stärken? Und ist es überhaupt möglich, dass sie die Stärken haben werden ohne die Schwächen?

Künstliche Intelligenz – Maschinelles Lernen nach menschlichem Vorbild

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 11.12.2015 (Moderation: Uli Blumenthal)

Online-Unikurse nutzen vor allem Studenten mit gutem sozialen Background

Bildung entscheidet über den Job und das Einkommen, Bildung bietet die Chance, aus sozial schwierigen Verhältnissen aufzusteigen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Und für wen aus irgendwelchen Gründen ein Studium an einer Uni gar nicht oder momentan nicht in Frage kommt – für den gibt es ja eine moderne Alternative, und zwar im Netz: Die sogenannten MOOCs, die „Massive Open Online Courses“ werden mittlerweile überall, auch von den renommiertesten Unis angeboten. Und zwar in fast allen Studienrichtungen; kostenlos und ohne ohne Zulassungshürden; man kann Prüfungen ablegen und Zertifikate erwerben. An sich also der perfekte Ansatz, die Bildung zu demokratisieren, die Kluft zwischen den sozialen Schichten zu schließen.

Im Fachblatt Science haben US-Forscher jetzt einmal vorgestellt, wer denn am meisten von solchen Online-Kursen profitiert – und das Ergebnis ihrer Studie ist ernüchternd, aber im Grunde nicht allzu überraschend: Die MOOC-Studenten, jedenfalls die US-amerikanischen, stammen eher aus feinen Gegenden als aus Problemvierteln – und wessen Eltern zur Uni gegangen sind, hat wesentlich bessere Chancen, einen Online-Kurs erfolgreich mit einem Zertifikat abzuschließen.

Natürlich bieten die MOOCs besonders begabten Studenten eine „Überflieger-Chance“. Aber die Masse der Lernbegierigen aus unterprivilegierten Schichten würde zusätzliche Unterstützung benötigen, um wirklich von den Kursen profitieren zu können. Das Fazit vom Autor der Studie, John D. Hansen:

Ich denke, es ist schwer vorherzusagen, ob der bessere Zugang zu Bildungstechnologie die Schere bei bestimmten Entwicklungen jetzt eher weiter oder enger werden lässt. Aber was wir zeigen konnten: Der Zugang allein scheint jedenfalls nicht zu garantieren, dass die ökonomische Kluft sich verringern oder schließen wird – da ist anscheinend auch genau das Gegenteil möglich.

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 4.12.2015 (Moderation: Marlis Schaum)

Big Data – Handydaten verraten Wohlstand und Armut

Dass ein Mobiltelefon billig oder teuer sein kann, ist klar. Aber dass die Mobiltelefon-Nutzung etwas darüber verraten kann, ob der Besitzer oder die Besitzerin eher reich oder eher arm ist – darauf muss man erst einmal kommen. Oder man muss einen Computer darauf kommen lassen.

Das Versprechen von Big-DataModellen ist ja: Im Idealfall findet der Algorithmus in ziemlich unstrukturiertem Datenmaterial plötzlich Zusammenhänge, gewinnt neue Erkenntnisse, die bislang unentdeckt waren. Im banalsten und gleichzeitig auch häufigsten Szenario sind das ökonomische Erkenntnisse – wer bei Amazon schon drei Pferdehof-Bücher gekauft hat, interessiert sich vielleicht auch für einen Reitkurs; wer anscheinend dauernd mit Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn unterwegs ist, braucht vielleicht ein noch schnelleres Auto, einen Zeitmanagement-Ratgeber oder eine Risiko-Lebensversicherung 🙂 .

Das ganz große Problem bei Big-Data-Ansätzen: Der Algorithmus spürt statistische Korrelationen auf (z.B. die Länge von Röcken zur Aktienperformance…) – aber ob letztlich wirklich ein Kausalzusammenhang dahinter steht, das kann man nur mit gesundem Menschenverstand oder mit einem Abgleich anhand von völlig unabhängigen Datenquellen überprüfen.

Auch Joshua Blumenstock von der University of Washington kann nicht bis ins letzte Detail erklären, warum Reiche in Ruanda andere Mobilfunk-Kommunikationsmuster haben als Arme. Aber ganz offensichtlich passt seine in der aktuellen Ausgabe von „Science“ vorgestellte Big-Data-Abschätzung des ökonomischen Status von Handy-Nutzern sehr gut zu Daten aus der realen Welt. Eine neue, preiswerte und ziemlich verlässliche Methode also gerade in Entwicklungsländern, Politikern eine Basis für ökonomische Entscheidungen zu geben – für Infrastruktur-Investitionen, Sozialmaßnahmen oder Steuertarife. Vorausgesetzt, die Entscheidungen sollen überhaupt aufgrund von objektiven Kriterien gefällt werden 😉 …

Big Data – Handydaten verraten Wohlstand und Armut

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 27.11.2015 (Moderation: Monika Seynsche)

Anonymous gegen den IS – ein Internet-Meme als Medienhype

Vollmundige Verlautbarungen, mit welch schrecklicher Wirkung man jetzt diesen oder jenen Bösewicht (bislang waren das ja vorwiegend Banken oder Behörden 🙂 …) aus dem Netz radieren werde – die haben wir ja schon oft gehört. Von anonymen Hacker- oder Aktivistengruppen, die sich LulzSec oder eben Anonymous nennen. Und wenn so ein Grüppchen dann mal konkret aufflog, dann waren das häufig eben nur ein paar Leute, die gerade mal der Pubertät entwachsen waren und ein DDOS-Script ablaufen lassen konnten.

Das schöne und semantisch ewig witzige an Anonymous ist eben das Anonyme; und jeder kann anonym im Namen der Anonymen Erklärungen abgeben, zum Beispiel des Inhalts, dass gewisse andere Anonyme nicht die wahren Anonymen sind und man sich daher schärfstens davon distanziere  – anonym selbstverständlich.

AnonymousPressesprecher

Der anonyme Pressesprecher von Anonymous distanziert sich von anonymen Trittbettfahrern. ( Foto: Thomas Wolf, www.foto-tw.de CC BY-SA 3.0 Montage: anonym)

Die Annahme, dass es im Netz eine nennenswerte Crowd von koordiniert handelnden anonymen Aktivisten geben würde, die denn auch zu irgendwelchen spürbaren und sinnvollen Aktionen gegen einen Gegner wie den IS in der Lage wäre, ist vollkommen naiv und geht halt dem Vendetta- und Matrix-Mythos auf den Leim. Aber irgendwo will der verunsicherte Netzbürger ja seinen Like-Mausklick machen, um mit minimalem Aufwand digital Stellung zu beziehen oder einfach nur das Gefühl der Hilflosigkeit etwas abzumildern.

Und die Presse will natürlich auch immer allzu gern über irgendetwas wirklich spannendes und geheimnisvolles berichten  – da wird nur leider der ernüchternde Fakt außer acht gelassen, dass eine anonyme Netzquelle halt journalistisch praktisch wertlos ist. Wenn drei anonyme Wirtshausbesucher aus Winsen an der Luhe dem IS den Krieg erklären, dann hat das wohl kaum irgendeine Relevanz. Wenn sie aber eine Facebookseite oder einen Twitteraccount betreiben, der mit einer Guy-Fawkes-Maske garniert ist – dann plötzlich schon.

Mit Listen von angeblichen IS-Accounts, die sich dann als teilweise falsch recherchiert erweisen, mit Anschlagswarnungen über Twitter-Hashtags, die sich als Fehlalarm herausstellen – damit ist natürlich niemandem gedient. Dabei steht es ja jedem technisch versierten Hacker frei, ein paar islamistische Webseiten unter Beschuss zu nehmen – aber das Cyberkrieg-Geschwafel ist genauso kindisch wie das Geschwafel der Gegenseite. Selbstverständlich gibt es ja auch bei den Islamisten junge Männer mit Allmachtsphantasien und Computerkenntnissen, und selbstverständlich drohen auch die damit, die Welt der Ungläubigen digital auszuradieren.

Und dann gibt es auch noch die Cyberwar-„Profis“ bei den Geheimdiensten – was die ganze Sache nicht besser macht. Zuviel Herumsitzen vor Tastatur und Bildschirm geht halt immer mit einer etwas verzerrten Wahrnehmung der Realität einher.

Frage des Tages – Warum wird Anonymous den IS nicht besiegen?

Deutschlandradio Kultur – Kompressor vom 24.11.2015 (Moderation: Timo Grampes)

P.S. 3.12.2015 – Marina Strauß von der DW hat das Thema auch noch einmal ausführlich beleuchtet.

Unfreiwillig Fan vom IS? Facebook-„Gemeinschaftsseite“ sorgt für Verwirrung

In den letzten Tagen ist viel darüber diskutiert worden, ob man nicht stärker gegen Fanseiten oder Chat-Kanäle vorgehen müsste, die Werbung für den IS machen. Fakt ist, solche Seiten gibt es wie Sand am Meer – einerseits werden laufend welche gelöscht, und im Gegenzug werden laufend welche neu erstellt. Da passte dann gestern die „Entdeckung“ von Journalisten-Kollegen vom BR (und anscheinend auch noch anderer Printmedien) wie die berühmte Faust aufs Auge: Bei einer Facebook-Suche nach „ISIS“ bekamen sie als Treffer eine Seite, die „den Eindruck erweckt, vom islamischen Staat zu sein.“

Die Seite „Region des Islam“ war anscheinend von rund 24.000 Facebook-Usern „geliked“ worden, darunter offenbar auch vielen Freunden und Kollegen des Autors – dem sie auf Nachfrage aber dann versicherten, sie hätten da ganz bestimmt nicht auf das „Gefällt mir“-Knöpfchen gedrückt. Anschließend spekulierte der Kollege noch etwas über einen möglichen Facebook-Hack oder eine umbenannte oder gekaperte Seite, war dann aber im Grunde auf der richtigen Spur – in der Tat steckt hinter dem Ganzen ein simpler Facebook-Automatismus.

Die Seite war schlichtweg eine sogenannte „Gemeinschaftsseite“, die Facebook automatisch generiert, wenn es bei einer gewissen größeren Userzahl ein gemeinsames Interesse an einem bestimmten Thema feststellt – sei es für Käsekuchen oder halt für den IS. Gemeinschaftsseiten sind sozusagen Blaupausen, Blankovorlagen für eine „richtige“ Seite – als Beschreibungstext holt sich der Algorithmus einfach den passenden Wikipedia-Artikel.

Und weil ja diese Seitenerstellung auf Verdacht in vielerlei Hinsicht schiefgehen kann (wie man am aktuellen Beispiel sieht…), gibt es auf Gemeinschaftsseiten eine Editierfunktion, die jeder User nutzen kann. Zum Beispiel, um an Facebook zu melden, dass es zum Seitenthema schon eine „richtige“ Seite gibt und die automatisch erstellte also eine Dublette ist. Oder auch, um ein Problem zu melden, z.B. wenn das Seitenthema anstößig ist oder gegen die Facebook-Richtlinien verstößt.

Mit der Editierfunktion kann die Gemeinschaftsseite auch mit einer existierenden Facebook-Seite „zusammengeführt“ werden – damit hatten Spassvögel zum Beispiel einmal erreicht, dass bei einer Facebook-Suche nach „Schimpansen“ die NPD-Seite als Treffer angezeigt wurde.

Die „Region des Islam“-Seite war natürlich auch eigentlich nicht als „Fanseite“ des IS misszuverstehen – außer, wenn man eben wirklich nur ganz oberflächlich draufschaut (was allerdings heutzutage ja allgemein Usus ist 🙂 ). Mittlerweile ist das Objekt der Aufregung von Facebook gelöscht worden – wenn das Unternehmen gegenüber dem BR aber hier von einem „Bug“ gesprochen hat, dann stimmt das einfach nicht. It’s not a bug, it’s a feature. Ob die ganze Automatik-Funktion besonders glücklich konstruiert ist, ist eine andere Frage. Aber als Facebook-User hat man natürlich auch dieses Detail in den Nutzungsbedingungen mit abgenickt 🙂 …

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 20.11.2015 (Moderation: Till Haase)