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Kinopremiere im Wohnzimmer

Mit Streaming kennt Sean Parker sich aus, der Mit-Gründer von Napster und Ex-Präsident von Facebook. Mit den entsprechenden Wünschen von Konsumenten auch. Aber ob es für sein StartUp „Screening Room“ wirklich einen ausreichend großen Markt gibt – also Filmenthusiasten, die die Heimcouch dem Kinosessel vorziehen – das bleibt abzuwarten. So absurd, wie es einem im ersten Schreck über die angedachten 50 Dollar vorkommt, ist die Sache aber gar nicht. Möglicherweise rechnet sich das Konzept auch schon bei einer geringen Kundenzahl für alle Beteiligten – wenn der Preis für die Streamingbox einigermaßen kostendeckend ist und das StartUp mit überschaubarem Personalbestand auskommt. Ein eigenes Programm zusammenstellen oder die Filme selbst bewerben muss Screening Room ja nicht – es ist schließlich nur eine Filiale der guten alten „richtigen“ Kinos.

Sofa statt Kino · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 11.03.2016 (Moderation: Marlis Schaum)

AlphaGo gewinnt erste Partie gegen Lee Sedol

Eigentlich hatte Lee Sedol ja die schwarzen Steine in seiner ersten Matchpartie gegen das Computerprogramm AlphaGo – als er dann irgendwann um 8 Uhr 35 deutscher Zeit einen weißen Stein ergriff und auf dem Brett postierte, da blieb den Kommentatoren bei der Live-Übertragung auf YouTube erst mal die Spucke weg. „Ich glaube, er hat gerade die Partie aufgegeben“ fiel dann bei Michael Redmond, immerhin der beste westliche Go-Spieler und wie Lee Sedol ein 9-dan-Großmeister, der Groschen. Redmond hatte nämlich in der Endspielphase auch schon immer wieder ansatzweise überschlagen, wer in der Partie eigentlich das größere Gebiet erobert hatte, aber dabei noch kein endgültiges Ungleichgewicht gesehen. Lee selbst wusste es besser.

 

Das Partieende wie aus heiterem Himmel – jedenfalls für die Beobachter in dieser Übertragung; andere Kommentatoren hatten den Braten schon früher gerochen – macht deutlich, wie extrem schwierig beim Go die Stellungsbewertung ist. Und genau das war auch bislang das Hauptproblem für Computerprogramme, die letzte Bastion des Denksports im Kampf Mensch gegen Maschine zu schleifen – beim Schach war der Drops bekanntlich schon länger gelutscht.

Offenbar hat AlphaGo seit dem Match im Oktober gegen den mehrfachen Europameister Fan Hui dazugelernt (Fan Hui, der ja 0-5 unter die Räder gekommen war, ist übrigens jetzt einer der Schiedsrichter und verspürt vielleicht eine ganz kleine Genugtuung, dass AlphaGo nun jemand anders quält. Vielleicht drückt er aber auch Lee Sedol in menschlicher Empathie ganz fest die Daumen…) – das „Dazulernen“ kann man wörtlich nehmen, denn die neuronalen Netze von AlphaGo trainieren sich selbstständig weiter, mit Millionen von gegen sich selbst gespielten Partien, ohne dass ihnen die Programmierer vorgeben müssen, was gut oder was schlecht ist.

Es ist sogar genau anders herum – im Grunde wissen selbst die Macher von AlphaGo bei Googles (bzw. Alphabets…) Tochterfirma „Deep Mind“ nicht ganz im Detail, was sich eigentlich in der „Black Box“ zwischen der Eingabe- und Ausgabeschicht der neuronalen Netze entwickelt hat. Möglicherweise hat AlphaGo Erkenntnisse über das Go-Spiel herausdestilliert, auf die noch nie ein menschlicher Spieler gekommen ist, die möglicherweise auch aus menschlicher Sicht absurd erscheinen mögen – die aber offensichtlich funktionieren. Und das ist ein weiterer Grund, warum der Kampf für Lee Sedol nun wahrscheinlich noch schwieriger wird, als seinerzeit bei den Mensch-Maschine-Matches beim Schach: Er kann nur sehen, was AlphaGo spielt, aber nicht, warum – damit entfällt die Chance, konzeptbedingte Schwächen zu identifizieren und gegebenenfalls gezielt auszunutzen.

Das heißt noch nicht, dass AlphaGo oder das algorithmische Konzept im menschlichen Sinne „intelligent“ ist. Würde man ein neuronales Netzwerk mit Daten über Börsenkurse und Minirocklängen trainieren, dann käme mit ziemlicher Sicherheit eine Korrelation und ein Prognosemodell heraus. Vielleicht sogar eins, das besser funktioniert als Analysten-Analysen. Fehlende Kausalitäten, sprich Bullshit, können Menschen immer noch besser diagnostizieren als Maschinen. Aber es wird garantiert immer schwieriger, die Ergebnisse von „künstlicher Intelligenz“ von denen menschlicher auseinanderzuhalten – das klassische Turing-Test-Szenario.

Irgendwann spielt es also keine Rolle mehr, ob die Algorithmen intelligent sind. Oder nur sehr perfektioniert so tun, als ob. 🙂

Maschine übernimmt letzte Bastion der Menschen · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 09.03.2016 (Moderation: Till Haase)

Deutschlandfunk – Forschung aktuell vom 09.03.2016 (Moderation: Uli Blumenthal)

Knast-Kommunikation: Kontrollierter Internetzugang in Berlin, Telefonkosten-Abzocke in den USA

Tiefenpsychologisch gesehen müsste eigentlich heutzutage der Schock, hinter Gittern zu landen und der Freiheit einstweilen Lebewohl sagen zu müssen, noch viel schlimmer sein als anno dazumal. Denn im Gefängnis kommt einem ja schlagartig auch jene virtuelle Welt abhanden, die für die allermeisten Menschen mittlerweile zu einem normalen Leben existenziell dazugehört.

Der Verlust betrifft natürlich nicht nur die (gerne auch erotisch angehauchte 🙂 …) Freizeitgestaltung, sondern auch grundlegende Informations- und Kommunikationsbedürfnisse; nicht zuletzt gehört ja ein Netzzugang auch für Sozialhilfeempfänger zum Basisanspruch. Andererseits werden gerade die Kommunikationsbedürfnisse bzw. die daraus erwachsenden Gefahren bei Knastinsassen mit gutem Grund kritisch gesehen – insofern haben nicht nur einige CDU-Abgeordnete, sondern auch der Bund der Strafvollzugsbediensteten (BSBD) Bauchschmerzen mit dem Berliner Pilotprokt „Kontrollierter Internetzugang für Gefangene“.

Ein ganz anderes Kapitel sind natürlich eingeschmuggelte Mobilgeräte, wer ein schickes Smartphone mit LTE unter der Matratze liegen hat, kann auf den „kontrollierten Zugang“ dankend verzichten. Warum Vollzugsanstalten allen Ernstes Millionenbeträge für Störsender, mobile Handy-Detektoren oder funkwellenabschirmende Wandanstriche ausgeben, anstatt die Gefangenen, die Zellen und ggf. Besucher gründlich zu kontrollieren, das erschließt sich dem Laien nicht – aber irgendwelche sehr guten Gründe muss es ja wohl geben.

In jedem Fall geht natürlich ein Schmuggler auch wieder das Risiko einer zusätzlichen Strafe ein – besser ist es da natürlich, mit Genehmigung ein (Mobil-)Telefon benutzen zu dürfen. In den USA haben sich ein paar Telefongesellschaften auf die Versorgung der Haftanstalten spezialisiert. Offenbar handeln sie aber nach der biblischen Maxime „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – und fordern ihren Zwangskunden geradezu kriminell hohe Gebühren ab. So sieht das jedenfalls die Aufsichtsbehörde FCC. Aber so einfach lassen sich die Betreiber nicht „deckeln“ – sie haben gerade erfolgreich Einspruch gegen das Verbraucher- bzw. Knastbrüder-freundliche Preisdiktat der Behörde eingelegt. Angeblich gibt es für die hohen Preise irgendwelche sehr guten Gründe. 🙂

DRadio Wissen · Gefängnis: Kontrollierter Internet-Zugang für Insassen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 08.03.2016 (Moderation: Till Haase)

KeRanger: Erste funktionstüchtige Ransomware für Mac OSX

Jetzt geht die Verschlüsseln-und-Erpressen-Masche auch bei den Besitzern von Mac-Rechnern los – logisch eigentlich, denn wer eher zu einem schicken Apple-Modell als zum schnöden PC von der Stange greift, beweist Geschmack und Solvenz. Da wird doch noch ein Bitcoinchen für irgendeinen freundlichen Cyber-Gangster in Russland drin sein, das Leben dort ist schließlich hart und freudlos.

Dass sich die Eigner von Mac OSX-Geräten zurecht etwas weniger Sorgen gemacht haben, heißt nicht, dass sie per se sorgloser sind – auch bei der Infektion eines PCs mit Ransomware ist ja in den allermeisten Fällen etwas „Mithilfe“ des Users nötig. Wenn die Schadsoftware dann auch noch huckepack mit dem Update eines an sich vertrauenswürdigen Programms auf den Rechner kommt, kann man den Opfern eigentlich gar keine Mitschuld mehr vorwerfen. Und so lautet denn die Devise auch hier: das Einzige, was hilft, sind Backups. Möglichst vollständige, möglichst aktuelle.

Besonders gemein: So schöne und bequeme Dinge wie eine Time Machine oder die Hintergrund-Datensicherung in die Cloud machen bei einem Ransomwarebefall die Sache unter Umständen noch schlimmer – die werden nämlich mitverschlüsselt, und beim nächsten Synchronisieren mit einem Zweitgerät ist dort dann auch alles top secret. Die einzige Lösung ist also ein Backupmedium, das nur zum Sichern angestöpselt wird. Ich korrigiere: Mehrere solche Backupmedien natürlich.

IT-Sicherheit: Auch Macs sind bedroht · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 07.03.2016 (Moderation: Till Haase)

US-Wahlkampf im Netz: Troll Trump und seine Follower

Besser, es wird schlecht über einen geredet als gar nicht: Dass es im US-amerikanischen Wahlkampf sehr viel rustikaler zugeht als hierzulande, ist nicht neu. Aber die aktuelle Kampagne toppt alles dagewesene. Und das liegt natürlich an Donald Trump, dem Immobilien-Zocker, TV-Showmaster und fleischgewordenen Schrecken aller nicht so rustikal veranlagter Zeitgenossen hüben und drüben des Ozeans. (Bekanntlich steckt ja in Wirklichkeit Johnny Depp in der Donald-Trump-Maske 🙂 …)

Genauso schmerzfrei wie in den TV-Debatten ist der (angebliche…) Milliardär auch in den Social Networks unterwegs. Und seine Tweets rotzt er offenbar tatsächlich eigenhändig heraus, was zuweilen im Rohr krepiert. Klar ist – nicht alle Follower bei Twitter oder jetzt Instagram werden den Polit-Troll am Schluss wirklich als Präsidenten sehen wollen, trotz aller Unterhaltsamkeit. Aber auf jeden Fall ist Trump natürlich der kongenialste Kandidat für das Netz. Bei dem es sich ja bekanntlich um eine Riesen-Ansammlung digitalisierter Klowände handelt. Nur viel bunter und greller als früher, versteht sich.

Troll dich, Trump! · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 07.03.2016 (Moderation: Till Haase)

Netflix setzt Geoblocking durch und sperrt Zugriff per VPN

Angekündigt war der Schritt schon ein Weilchen, „passend“ zur Oscar-Verleihung macht Netflix seit dem Wochenende auch hierzulande Ernst und blockiert das Streaming „über Bande“, nämlich per Proxyserver oder per VPN. Wie die „branchenübliche“ Erkennung eines solchen Zugangs nun technisch genau realisiert wird, darüber kann man noch etwas rätseln – laut einigen VPN-Anbietern und laut einigen Userberichten sollen sich die jetzigen Blockaden doch noch wieder aushebeln lassen. Umgekehrt gibt es zahlreiche Berichte von „Kollateralschäden“ – da werden VPN-User ausgesperrt, obwohl sie im „richtigen“ Land ihren Stream abrufen, da erkennt der Prüfalgorithmus einen vermeintlichen VPN-Zugang, wo gar keiner ist. Möglicherweise springt die Blockade auch schlicht und einfach dann an, wenn die vom Browser übermittelte Systemzeit nicht zur abonnierten Region bzw. dem dort postierten Abrufserver passt. Da könnte es also einen Versuch wert sein, einfach die Computeruhr umzustellen 🙂 …

Nix mit House of Cards IV · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 01.03.2016 (Moderation: Marlis Schaum)

Nachtrag zu: „Ist Michael Gessat als Journalist noch haltbar?“

Inzwischen hatte ich einen Mailwechsel mit Dr. Sebastian Lüning, der sich als Autor des Artikels bei kaltesonne.de herausgestellt hat. Wir sind nach wie vor nicht einer Meinung, ob aus meinem DLF-Beitrag oder der (wie gesagt von mir gar nicht zu verantwortenden…) Anmoderation in der Sendung „Forschung aktuell“ vom 27. Januar die auf kaltesonne.de behaupteten Dinge wie „Ehrverletzung“, „Rufmord“, „perfide Strategie“ oder „Mobbing“ sachlicher- oder redlicherweise ableitbar sind. Ich halte diese Idee weiterhin, übrigens auch was die Rolle des Moderators oder des Senders angeht, für einigermaßen absurd.

Immerhin hat Herr Dr. Lüning jetzt meinen Namen aus dem Artikel und der Überschrift entfernt (die URL ist allerdings unverändert und stellt nach wie vor die Gretchenfrage ins Netz 🙂 … – Nachklapp: die URL ist jetzt auch geändert 🙂 🙂 ); auch die von mir kritisierte (und schlichtweg eine unrichtige Tatsachenbehauptung darstellende…) Passage mit der angeblich im Vergleich zur Audiofassung entschärften Schriftversion ist entfallen. Durch die Kürzung wird der Artikel allerdings nicht unbedingt nachvollziehbarer – jetzt steht ein Satz wie

In der Audio-Radioversion langt der DLF-Autor kräftig hin.

ein wenig verloren im ewigen Hyper-Raum; ein interessierter Nach-Hörer wird da vergeblich rätseln, wo die versprochene Deftigkeit eigentlich zu finden ist … 🙂

Ich nehme die Änderung trotzdem einmal als Zeichen des guten Willens von Herrn Dr. Lüning. Um das auch noch einmal umgekehrt klarzustellen: Herr Prof. Vahrenholt und Herr Dr. Lüning vertreten offensichtlich eine Minderheitenposition in der Klimadiskussion. Als Journalist würde ich die Tatsache, dass ihre Thesen von den führenden Vertretern der wissenschaftlichen Forschung nicht geteilt bzw. für falsch gehalten werden, als „warnendes“ Indiz auffassen. Ich würde aber andererseits nicht auf die Idee kommen, sachlich begründete Argumente oder Thesen oder Minderheitenpositionen von vornherein als absurd oder „verschwörungstheoretischen“ Unsinn abzutun.

Wohlgemerkt: Sachliche Argumente. Wer polemisiert, sägt sich selbst den Ast des Ernstgenommenwerdens ab und muss sein Dasein in den vordergründig populären, aber letztlich unfruchtbaren Niederungen und Nischen des Internet-Anti-Mainstreams fristen 🙂 …

Ich habe das auch Herrn Dr. Lüning geschrieben: Es ist unwahrscheinlich, dass ich selbst in die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Argumenten in der Klimadiskussion oder vielmehr in die Berichterstattung über sie einsteigen werde, so interessant die Sache auch ist. Und zwar schlicht, weil hier eine gewaltige Einarbeitung und Recherche notwendig wäre – und weil dem Zeitaufwand dafür eine entsprechende finanzielle Kompensation entgegenstehen müsste – ich verfüge ja weder über eine Festanstellung noch über einen Vorstandsposten…

Ich stehe aber natürlich als selbstständiger freier Mitarbeiter gerne für neue Aufgaben und thematische Herausforderungen zur Verfügung. Für einen ersten, aber schon ganz ordentlich fundierten Faktencheck einer Minderheitenposition in einer wissenschaftlichen Frage würde ich erst einmal eine Woche Arbeitszeit veranschlagen, also 5 (oder besser 7…) Tage a 390,- zzgl. Umsatzsteuer.  Selbstverständlich ohne Voreingenommenheit und mit der Gelegenheit zur Diskussion und Modifikation der Befunde. 🙂

Klima-Realisten besorgt: Ist Michael Gessat als Journalist noch haltbar?

(einmal ausnahmsweise der Nachklapp zu Beginn: Inzwischen hat kaltesonne.de den zur Diskussion stehenden Artikel „entschärft“ …)

Ist Michael Gessat als Journalist noch haltbar? Das ist nun endlich einmal eine wirklich bedeutende Frage (nicht zuletzt aus pekuniären Gründen wohl am allermeisten für mich selbst…), die da heute auf der (mir bislang unbekannten…) Seite kaltesonne.de aufgeworfen wird.

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt und/oder Dr. Sebastian Lüning (die Herren zeichnen jedenfalls laut Impressum verantwortlich, wenn auch ohne eigene Anschrift und Kontaktdaten; die angegebene Verlagsadresse dürfte kaum hinreichend sein… 😉 ) hegen hier offenbar erhebliche Zweifel, denn sie prangern rund um meinen Beitrag „Mathematisches Risikomodell – Zu viele Mitwisser verderben die Verschwörung“ vom 27. Januar ein „Ehrverletzendes Klimaskeptiker-Mobbing im Deutschlandfunk“ an.

Zum Glück bin ich im skizzierten Szenario nicht der einzige Bösewicht, denn auch der Sender steckt nach Ansicht der Artikelverfasser bis zu den Ellenbogen (die der Onlineredakteure nämlich oder vielleicht noch höherer Chargen…) mit drin in einer „Rufmord-Kampagne“:

Hochinteressant: Die Schriftversion des Beitrags wurde offenbar kräftig entschärft. Hier tauchen die Klimaskeptiker nur unter ferner liefen auf. In der Audio-Radioversion hingegen langt Autor Michael Gessat kräftig hin. Die bösartige Verknüpfung von Anti-Mondlandungs-Fantasten und Klima-Realisten beginnt bereits bei der Anmoderation der Gesamtsendung, wird abermals ab 5:48 Laufzeit vertieft und schliesslich noch ein drittes Mal gegen Ende des Beitrags. Somit ist die vom DLF gesendete akustische Propaganda gegen Klima-Realisten weitaus schärfer, als nur die schriftliche Fassung des Beitrags.

Eine wirklich „hochinteressante“ These von Prof. Dr. Fritz Vahrenholt und/oder Dr. Sebastian Lüning – die aber bedauerlicherweise komplett zusammenphantasiert ist. Die Schriftversion meines Beitrages ist in diesem Fall absolut identisch mit der „Audio-Radioversion“ – mein Beitrag ist nämlich das, was ich ja auch im Sendungsmitschnitt bzw. Einzel-Audiofile mit meiner Stimme von mir gebe. Das andere nennt sich „Moderation“ und wird vom Moderator der Sendung geschrieben, gesprochen (mit einer anderen Stimme, in diesem Falle die von meinem geschätzten Kollegen Ralf Krauter 🙂 ) und auch redaktionell verantwortet.
Auf der DLF-Website schriftlich dokumentiert wird hingegen nur der reine Beitragstext (manchmal sogar eher umgekehrt in einer längeren Version, wenn nämlich der Audiobeitrag für die Sendung aus Längengründen gekürzt werden musste…) – und das ist selbstverständlich nicht nur bei diesem Beitrag, sondern durchweg der Fall; an sich sehr leicht feststellbar. Und um ganz genau zu sein: Die Überschrift und der „Teaser“ des Onlineartikels werden von der Online-Redaktion verfasst und verantwortet, auch wenn hier meist Elemente der Beitragsmoderation verwendet werden. Aber mal ein Zwischen-Fazit hier: Da wurde überhaupt nichts entschärft, und ich habe auch im Audio nicht „hingegen“ kräftig (oder kräftiger…) hingelangt.

Was mich ja bei gewissen Radio-Hörern, und darunter sogar studierten Herren, immer wieder von neuem erstaunt: Dass sie offenbar einen Bericht über ein Thema nicht von einer Meinungsäußerung zu einem Thema unterscheiden können. Dass sie also wie selbstverständlich annehmen, ich als Journalist würde mir jeweils das Anliegen oder die Theorie oder die wissenschaftliche Forschung eines Studienautors zu eigen machen. Das ist aber natürlich nicht der Fall. Selbstverständlich hat ein Radiobeitrag über ein bestimmtes Thema möglicherweise einen gewissen „werbenden“ Effekt in dem Sinne, als er dem Thema oder seinem Protagonisten ein Sprachrohr verschafft. Und deswegen ist bei einem seriösen Sender wie dem DLF insofern ein journalistischer Filter vorgeschaltet, als völlig absurder Quatsch eher nicht so zur Sprache kommt 🙂 . Und bei kontroversen Themen, gerade auch im Wissenschaftsbereich, wird im Zweifelsfall eine Zweitmeinung oder Gegenstimme im Beitrag erscheinen.

Auch beim zur Diskussion stehenden Beitrag habe ich also wieder mal keine eigene Agenda verfolgt, schon gar keine breit orchestrierte „Klimaskeptiker-Mobbing“-Agenda. Klimaforschung und die Diskussionen rund um die Klimaerwärmung sind überhaupt nicht mein Thema – da gibt es andere fachkundige Kollegen & Kolleginnen 🙂 . Thema des Beitrages war ein mathematisches Modell zur Haltbarkeit von Verschwörungen, und im PLOS-One-Paper und im Interview hat der Studienautor David Robert Grimes nun einmal die „Klimawandellüge“ als ein Beispiel einer wissenschaftsskeptischen Verschwörungstheorie beleuchtet. (Einmal in meiner Definition aus meinem Beitrag bei DRadio Wissen: Die Klimawandel-Lüge ist ja die sehr beliebte Verschwörungstheorie, der zufolge der Klimawandel nicht existiert, sondern von Wissenschaftlern nur vorgetäuscht wird. Und zwar schlicht und ergreifend, um sich damit ihre Forschungsgelder und ihre Einkommen zu sichern.)

Prof. Dr. Fritz Vahrenholt und Dr. Sebastian Lüning bezeichnen sich selbst als „Klima-Realisten“ (aber fühlen sich offenbar auch als „Klimaskeptiker“ zutreffend bezeichnet bzw. ehrverletzt…). Ich muss gestehen, dass mir dieser Begriff bislang nicht geläufig war; wie gesagt gehört die ganze Sache nicht zu meinen Themengebieten. Und nun führen die Herren aus:

Das Perfide an der ehrverletzenden DLF-Vorgehensweise ist, dass es kaum ernstzunehmende Klimarealisten gibt (es gibt also möglicherweise auch nicht ernstzunehmende, Anmerkung von mir 🙂 ), die am Klimawandel selbst zweifeln oder auf die absurde Idee kämen, dass der momentane Klima-Hype eine Verschwörung wäre.

Dann ist doch alles bestens, jedenfalls in Bezug auf die „Klima-Realisten“. Denn in der Studie, im Beitrag und in der Moderation war doch von jenen Leuten die Rede, die an die Klimawandel-Lüge als eine Verschwörung glauben. Und die gibt es zweifellos. Wie sich jetzt die Herren Prof. Dr. Fritz Vahrenholt und Dr. Sebastian Lüning, offenbar stellvertretend für die gesamte „Klima-Realisten“- und Klima-Skeptiker-Community, „ehrverletzend“ angegriffen und „gemobbt“ und gerufmordet fühlen können, ohne überhaupt erwähnt worden zu sein, das ist mir ein Rätsel. Vielleicht melden sich nächstens auch noch irgendwelche Kritiker der bemannten Raumfahrt als „Mondlandelüge-gemobbt und ehrverletzt“ bei mir?

Um hier zum Schluss mal eine kleine Analogie anzubringen: Wenn ein Hund erst verzweifelt nach einem Stöckchen sucht, über das er anschließend unbeholfen hinüberhopsen kann,  um endlich eine angeblich verstauchte Pfote reklamieren zu können – dann handelt es sich insgesamt eher nicht um einen Fall von schwerer Tierquälerei.

Aus meiner Sicht bleibt die Frage nach der Haltbarkeit von Michael Gessat als Journalist also derzeit weiter unbeantwortet, jedenfalls was die Ausführungen auf kaltesonne.de betrifft.

Wenn ich mich umgekehrt frage, wie zwei gelehrte Herren denn quasi aus der hohlen Hand so eine Geschichte zusammenschustern können, die wenn überhaupt in meine Richtung ehrverletzend oder mobbend ist – dann fällt mir spontan eine Erklärung ein: Könnte da am Ende ein verschwörungstheoretisches Weltbild dahinterstecken, wo man sich halt passend macht, was eigentlich nicht passend ist? Ist jetzt nur so eine Idee, weil ich da mal kürzlich was drüber geschrieben habe.

Es gibt sehr wohl Verschwörungen – nur keine großen, die ewig halten

Über die Verschwörungs-Haltbarkeitsformel von David Robert Grimes hatte ich ja schon letztens beim DLF berichtet

Irgendwie scheint vielen sehr ernsthaften Kritikern der in PLOS One veröffentlichten Studie entgangen zu sein, dass zuweilen auch in seriösen Wissenschaftspublikationen mit Peer Review-Verfahren Artikel erscheinen, die nicht völlig bierernst gemeint sind. Die Gefahr ist besonders hoch, wenn es sich um englische Autoren handelt – ich rate zum Beispiel bei Veröffentlichungen des British Medical Journal rund um die Weihnachtszeit zu erheblicher Ironiedetektor-Funktionsprüfung. 🙂 Also mal O-Ton David Robert Grimes auf meine allererste Frage an ihn, in wieweit seine Studie und seine Formel nämlich humoristisch zu verstehen sind:

Part of this is fun. As I scientist I find a question interesting and I start playing with the question and sometimes fun comes out – but there is a more serious nature as you point out correctly: In my other job I am science journalist and write for the Guardian and the Irish Times and BBC, and we need turn out right important science topics like vaccination or climate change – you often encounter a committed very developed group who believe science can’t be trusted because it’s all a big conspiracy. And sometimes that’s funny. I mean if you dealing with someone who doesn’t believe the moon landings are real that’s funny. But if you are dealing with someone who believes that vaccination is a conspiracy by the government or scientists – that’s really dangerous.

Auf die methodische Schwäche mit den fehlenden Werten aus nicht aufgeflogenen Verschwörungen hat Grimes ja im Paper schon selbst hingewiesen (S. 12: „There is also an open question of whether using exposed conspiracies to estimate parameters might itself introduce bias and produce overly high estimates of p…), nur ist eben an das geheime Datenmaterial leider so schwer dranzukommen:

That would be fantastic. It would be fantastic. It was very hard to get the parameters. So the one problem with the paper is the lot of parameters I had to estimate as best I could from the literature. Because obviously by definition there is conspiracies we don’t know about.

Der britische Krebsforscher und Wissenschaftsjournalist hat dann seinen augenzwinkernd gemeinten Ansatz mit einem „seriösen“ Instrumentarium durchexerziert. Wenn ihm dabei Fehler unterlaufen sind, ärgert er sich bestimmt am meisten – aber das Ganze ist natürlich eine methodologische Etüde, die mit zwei Nachkommastellen angegebenen „exakten“ Werte sind natürlich letztlich ein Gag; und die „großzügige“ Verwendung irgendwelcher pi-mal-Daumen-Parameter gehört zum Konzept. Zugegebenermaßen – mit einer wasserdichten Statistik wäre die Sache noch schöner.

Und um das angesichts verschiedener „enthusiastischer Reaktionen“ von Verschwörungsgläubigen und Artikel-Nichtlesern 🙂 in der Zwischenzeit (und auch in den Kommentarspalten anderer Medien…) noch einmal zu betonen – Grimes hat nie behauptet, dass es keine Verschwörungen gäbe. So kleinere professionelle (z.B. das täglich Brot der Geheimdienste…) haben sogar bei einem kleinen Mitwisserkreis nach seiner Formel eine ziemlich gute Haltbarkeitschance. (Aber natürlich keine Haltbarkeitsgarantie… 🙂 )

Und selbst im Wissenschaftsbereich können Mini-Verschwörungen unentdeckt bleiben – z.B. gefälschte Forschungsarbeiten. Grimes ist (wie ich…) absolut der Meinung, dass in diesem Sektor viel zuwenig Arbeiten und Experimente nachgeprüft und wiederholt werden – Forscher sehen sich einem ständigen Publikationsdruck ausgesetzt, und das bringt halt jede Menge Leute auf dumme Gedanken.

I still think if you make a big enough plan like the climate change or vaccination very quickly other people will find out that the results don’t work. But on a smaller scale it could absolutely happen.

Aber wer an universelle und omnipräsente Verschwörungen glaubt, der sieht die Welt wohl komplizierter (oder eher noch: einfacher), als sie ist. Immerhin tut es den „Gläubigen“ ja gut, im Gegensatz zu ahnungslosen, naiven Mitmenschen um die schlimme Sache zu wissen. Zu den völlig ahnungslosen und unbelehrbaren Naiven gehören natürlich auch wir Schreiberlinge. Kleiner Scherz. Wir sind natürlich eingeweiht. 😉

Verschwörungen: Mehr Mitwisser, weniger geheim · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Grünstreifen vom 12.02.2016 (Moderation: Sebastian Sonntag)

 

Nachklapp 14.02.2016: David Robert Grimes hat als Reaktion auf die geäußerte Kritik eine Korrektur seiner Formel und der veröffentlichten Grafiken verfasst – diese wird in Kürze auf der PLOS One-Website erscheinen.

Nachklapp 1.3.2016: Die Korrektur ist jetzt online.

Auf GitHub schreiben Frauen den besseren Programmcode

Es gibt ja plausible Erklärungen, warum Frauen in manchen Berufen unterrepräsentiert sind – z.B. wenn die mit körperlicher Anstrengung verbunden sind. Es gibt auch plausible Erklärungen, warum Frauen in manchen Branchen durchschnittlich weniger verdienen als Männer. Zum Beispiel ist da die These, sie würden sich insgesamt weniger für Führungspositionen interessieren, weil ihnen weder exzessive Überstunden noch die latent aggressiven Statusspielchen besonders attraktiv vorkommen.

Auf der rein fachlichen Ebene, etwa bei einem Spezialisten-Job wie dem Programmieren ist beides kein Argument – trotzdem gibt es den Gehaltsunterschied auch in der Softwarebranche. Und das dürfte kaum daran liegen, dass Frauen schlechteren Code schreiben. Im Gegenteil, sagt eine Studie von Informatikern der California Polytechnic State University und der North Carolina State University. Auf der Open-Source-Plattform GitHub finden nämlich „Pull requests“, also zur Beurteilung eingereichte Code-Verbesserungsvorschläge von Frauen mehr Resonanz als die von Männern – sie haben offenbar im Durchschnitt eine etwas höhere Qualität. Wobei anzumerken ist: Die allermeisten GitHub-Zulieferer sind mit einem neutralen Nickname unterwegs, das Geschlecht ist normalerweise nicht erkennbar.

Was ist also die Ursache für die leicht bessere Performance? Möglicherweise sind Programmiererinnen einen Tick selbstkritischer als ihre Kollegen und reichen nur etwas ein, was sie zuvor sehr gründlich durchdacht und getestet haben. Oder, so mutmaßen die Studienautoren, werfen durchschnittlich begabte Frauen in der Branche eh irgendwann das Handtuch – und nur die fachlichen Überflieger bleiben dabei; „survivorship bias“ heißt dieser Effekt.

Auch auf GitHub gibt es offenbar Vorurteile und Diskriminierung: Code von als Frauen erkennbaren Neueinsteigern findet weniger Akzeptanz als der von männlichen Unbekannten. Aber wenn eine Frau in einem Software-Projekt erst einmal als Mitakteurin bekannt ist, dann wird ihr Code auch vorurteilsfrei mit einbezogen – ein sehr ermutigendes Signal an alle Frauen, sich nicht von der (zahlenmäßigen!) Männerdominanz in der Informatik einschüchtern zu lassen.

Das Können weiblicher Programmierer · DRadio Wissen

DRadio Wissen – Schaum oder Haase vom 12.02.2016 (Moderation: Till Haase)