Ein super-peinlicher journalistischer Fehler kann passieren. Aber die Korrektur sollte man nicht auch noch verbocken.

Wie es gerade Tagesschau.de gemacht hat.

Ich bin ja bekanntlich öffentlich-rechtlicher (freier…) Journalist, und ich arbeite als “Netzreporter” bei DLF Nova vorwiegend “kurativ” – das heißt, ich scanne Medienberichte und referiere die dann anschließend hörfunkgerecht und ordne die qua eigener Expertise ein. Dabei habe ich ein eng begrenztes Zeitkorsett – und immer die Gefahr im Hintergrund, mal Bullshit zu lesen, zu glauben und dann zu referieren.

Dagegen hilft – hoffentlich – eine gewisse eigene in langen Jahren erworbene journalistische Erfahrung – sowohl spezifisch fachlich; als auch ganz allgemein ein Misstrauens-Flag für allzu unwahrscheinliche Geschichten. Und dann – hoffentlich – die journalistische oder fachliche Expertise und das angebrachte Misstrauen des abnehmenden Redakteurs oder der abnehmenden Redakteurin bei allzu unwahrscheinlichen Geschichten.

Stromkabel sind so was von out. Die Energie kommt aus der Luft – oder so.

Die ganzen Kontrollmechanismen haben gefehlt bzw. versagt bei einer tollen und eben auch völlig unwahrscheinlichen Geschichte, die die Südafrika-Korrespondentin der ARD, Jana Genth am 16.9. bei Tagesschau.de untergebracht hat. Ein Fernseher, der nicht nur keinen Strom, keine Energie verbraucht – sondern Strom und Energie auch noch “generiert” und damit andere Elektrogeräte versorgen kann – diese Erfindung oder Entwicklung des famosen Simbabwers Maxwell Chikumbutso ist revolutionär. Oder eben für jede(n), der/die auch nur einen Funken Ahnung von Physik oder auch nur Lebens-Wahrscheinlichkeit hat – völlig absurd.

Irgendwie müsste ja auch der technikfernsten Journalistin oder dem technikfernsten abnehmenden oder übernehmenden 🙂 Redakteur klar sein – es gibt kein Perpetuum Mobile, keinen energie-erzeugenden oder “energie-gewinnenden” Mechanismus, der Energie oder Strom irgendwo rausholt, wo sie nicht vorher reingesteckt worden ist. In der Tat ist es möglich, aus “Funkwellen” wieder Energie rauszuholen und z.B. Radioempfänger zu betreiben oder Glühbirnen – nämlich in der unmittelbaren Nähe der Sende-Anlagen. Ein uralter Hut. Es ist auch möglich, aus den mittlerweile zum normalen Spektrum gehörenden “Funkwellen” wieder Energie rauszuholen, um “drahtlos” Geräte mit Strom zu versorgen – allerdings mit ganz bescheidener Ausbeute; für Schaltungen mit minimalem Strombedarf.

Denn es ist völlig klar – aus dem elektromagnetischen “Funkwellen”-Spektrum (abgesehen bzw. inklusive eben vom deswegen ja gerade so super-netten Sonnenlicht…) lässt sich logischerweise maximal die Energie rausholen, die da zuvor reingesteckt worden ist. In Wirklichkeit natürlich aufgrund der Umwandlungsverluste um Größenordnungen weniger – von irgendwie “kostenloser, erneuerbarer und grüner Energie” keine Rede. Das ist so absurd und lächerlich, dass es auch jeder völlig technikfernen Korrespondentin und jedem technikfernen abnehmenden Redakteur mit rudimentärer Schulbildung auffallen müsste.

Aber ok. Das vielgerühmte “vier-Augen-Prinzip” des verantwortungsvollen öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird natürlich im Zweifelsfall schon durch zwei Personen ausgehebelt: Eine ahnungslose Korrespondentin und ein/eine ahnungslose(r) abnehmende(r) Redakteur(in) im Wochenend-Modus. Kann passieren. Ist super-peinlich, aber kann passieren. Jetzt setzt kurz nach Veröffentlichung des Beitrages das Feedback bzw. der Shitstorm ein. Am 16.9. Mit einem Artikel beim geschätzten Qualitäts-Organ bild.de; mit Artikeln bei den üblichen ÖR-kritischen Webseiten, mit Memes, die vor allem auch genüsslich das Narrativ im Artikel aufgreifen: Die “Forschungen” des famosen Maxwell Chikumbutso werden nicht gewürdigt – aus Rassismus. Natürlich.

Und dann kommt am Montag (19.9.) spätnachmittags (!!) eine Reaktion. (Willkommen zurück aus dem Wochenende, liebe “EntscheiderInnen”… 🙂 ) Nur – das von euch ansonsten so geliebte Internetz ist ja bekanntlich ein verhältnismäßig schnelles Medium. Von dem besonders heiklen und in der aktuellen ÖR-feindlichen Diskussion verheerend wirkenden, weil die Vorurteile bestätigenden “Rassismus”-Aspekt ist in der “Korrektur” auf Tagesschau.de für die Verbreitung der “Ente” und Fake-Meldung selbstredend nicht die Rede. Stattdessen wird weiter herumgeschwurbelt – um irgendwas zu retten, was aber nicht mehr zu retten ist?

Hier auch noch einmal mein Kommentar unter dem Blogartikel:

59: Michael Gessat: 19. September 2022 um 21:15 Uhr

Was soll das heißen: "Es ist wahrscheinlich, dass sie auch nie belegt werden, weil sie physikalischen Grundsätzen widersprechen"??? Was soll das heißen: "Wir gehen davon aus, dass alle Korrespondentenberichte, die wir veröffentlichen, vorab nach allen journalistischen Grundregeln geprüft wurden"??? Die "Forschungen" des Simbabwers werden nicht nur "wahrscheinlich" nie belegt werden, sondern nie – weil sie Bullshit und Betrug sind. Und die Redaktion von Tagesschau.de darf nicht nur "davon ausgehen", dass die Korrespondentenberichte nach allen journalistischen Grundregeln geprüft wurden – sondern muss dies ja gerade selbst sicherstellen – wer sonst sollte denn dafür verantwortlich sein??? Die viel zu spät publizierte "Korrektur" dieses Desasters ist immer noch ein Desaster. Liebe Kolleginnen und Kollegen – bitte aufwachen. Und Korrektur und Transparenz heißt: Butter bei die Fische, nicht noch irgendwie beschönigen wollen. 🙂

Oder wie ich bei Twitter angemerkt habe:

Das alles ist jetzt “Nestbeschmutzung”. Nein, es ist ein Last-Minute-Nest-Säuberungs-Versuch, liebe Kolleginnen und Kollegen.

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